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Die Eckdaten stehen seit vorgestern: 4 Gipfel, 20km, min. 1000 Höhenunterschiede, Steigung durchschnittlich 10%, 10 Stunden plus eine Stunde Reserve. Ich muß um 6 Uhr los. Nach Seilbahn und Sessellift stehe ich um 6:37 am Eingang des Daizetsusan Nationalparks. Und los geht es… Ich habe 10 Stunden Wanderung vor mir. (Nachtrag: Wenn es schief geht, dann kann ich am Asahidake abbrechen und mit dem Bus zurück.)

Kurodake (1984m)

Der erste Abschnitt ist 1.7 km lang und die hat 464 Höhenmeter; rauf zum Kurodake. Man muß kein Diplommathematiker sein, um sich die Steigung auszumalen. Das ganze multipliziert mit dem Japanfaktor ergibt eine 1,7 km lange Treppe aus Steinen, Holzbalken und losem Geröll. Wir haben 12°C und bereits nach 200m öle ich wie eine Sardine. Fix und fertig erreiche ich ich das Schild „Noch 1,3 km bis zum Gipfel“ und ich stelle mir die Frage, ob die hier die gleichen Kilometer meinen wie ich. Am Gipfel des Kurodake angekommen genieße ich erst einmal die Aussicht, bevor ich mich an den Abstieg zum Kurodake Basislager wage. Es geht zwar bergab, man sollte aber die Schotterpiste nicht unterschätzen. Man rutscht hier ganz schnell weg und die Reise ist zu Ende bevor sie beginnt (und einen Rettungswagen gibt es hier nicht).


Hokkaidake
(2149m)

Am Basislager teilt sich der Weg in Nord- und Südroute. Ich entscheide mich für letztere und die Wanderung führt weiter bergab. Im Tal angekommen kreuzen zwei Wildbäche den Weg. Danach geht es wieder bergauf; Die 100m, die es eben ins Tal ging plus 212m Zugabe, vorbei an Eisflächen aus dem letzten Winter. Auf 2149m angekommen heißt das dann Hokkaidake. Es sind die gleichen Kanji wie Hokkaido. Mein Timing ist gut. Aus meiner Reservestunde sind 1,5 geworden.

Mamiyadake (2185m)

Und weiter geht es zum… gute Frage kann die Kanjis nicht entziffern. (Nachtrag: Mamiyadake) Wieder knapp 100m runter und 150m wieder rauf. Dieser Weg ist schon fieser. Er besteht fast nur noch aus losem Geröll. Der Weg ist durch gelbe Farbe auf den Felsen gekennzeichnet.


Asahidake
(2291m)

Der Kracher kommt aber jetzt. Der Weg zum Asahidake, ein aktiver Vulkan; sollte einen schon aufhorchen lassen. Zuerst einmal wieder bergab. War ja klar. Und dann rauf von etwa 2100 auf 2291m. Aber wie? Die Steigung ist totaler Wahnsinn. Über 100%. Mit jeden Schritt bergauf rutscht man samt Geröll einen halben Schritt wieder runter. Das lose Geröll ist zum Teil sehr leichtes Vulkangestein, das sofort anfängt wegzurutschen. Ich habe Mühe nach oben zu kommen; muß alle 10 Meter eine Pause einlegen. Der Weg nach oben kostet mich endlose 40 Minuten und wirft die Frage auf, wie ich das heil nach unten schaffen soll. Ich muß ja auch noch zurück. Jetzt erst mal Aussicht genießen, Gipfelkreuz (ein besser Gipfelpfahl) fotografieren und Pause.

Mamiyadake (2185m)

Dann der Abstieg. Ich bin sehr gut im Zeitplan und die Kondition macht mit, noch. Als verfwerfe ich das Abbruchszenarion und wagen den Rückweg. Fuß vor Fuß. Bin glaube ich langsamer als beim Aufstieg. Der Arbeitsschweiß ist dem Angstschweiß gewichen. Mit ein paar Wegrutschern komme ich unten an. Nochmal mache ich das bestimmt nicht. Und rauf zum Abzweigpunkt am Mamiyadake. Obwohl der Anstieg im Vergleich zu bisher eher Durchschnitt ist, bin ich kaputt. So langsam machen sich de ganzen Höhenmeter und die 10 Kilometer bemerkbar. Aber da muß ich jetzt durch. Für den Rückweg wähle ich die Nordroute. Sei ist etwas länger, aber ich habe knapp 45 Zeit gut gemacht (und ja noch die 1 Stunde Reserve). Ein Blick vor (bis zum Kurodake) und zurück (zum Asahidake) zeigt mit  die bisher erbrachte Leistung und, daß ich Glück habe. Hokkaidake und Asahidake sind von Wolken umringt. Bei mir ist Sonnenschein; Noch! Auch um die Spitze des Kurodake ziehen nebelige Schwaden.


Nakadake
(2113m) und Hokuchindake

Der Weg führt mich über den Nakadake und am Hokuchindake vorbei. Er liegt abseits und benötigt nach Karte 50 Minuten für beide Richtungen. Zeitlich machbar, aber meine Beine brennen. Und der letzte Aufstieg war schon kniffelig. Ich muß noch zum Kurodake rauf. Ich entscheide mich, den Hokuchindake links des Weges liegen zu lassen. Ich will meine Kondition nicht auf die Probe stellen.

Kaigetsudake (1938m)

Gegen 14:50 Uhr bin ich am Basislager Kurodake. Obwohl der Anstieg zum Gipfel und die 2,3km-Treppe noch vor mir liegen, erklimme ich ganz schnell diesen kleinen Hügel rechts neben dem Lager. Sind nur (!) 90m Höhenmeter. Auf dem Weg runter werde ich von einer Wolke eingeholt und erreiche das Lager im Nebel. Kein Spaß; der Weg ist schließlich nur mit farbigen Steinen markiert, die teilweise mehr als sichtweite auseinanderliegen.


Kurodake
(1984m) und Seilbahn

Um 15:20 das Finale: Kurodake, Abstieg und dann dekadent per Seilbahn ins Tal. Der Aufstieg raubt mir die letzte Kraft. Die Beine streiken. Immer wieder muß ich pausieren. Und diese Treppe entpuppt sich als Abstieg in die Hölle. Zum einen führt der Weg runter in die Wolken. Zum anderen war diese Strecke schon beim Aufstieg unerträglich lang. Man läuft und läuft und läuft, nur um dann auf dem Schild „Noch 1,8km“ zu lesen. Bergab geht die Mischung als Felsen und 40cm Stufen aus Holz gewaltig auf die Knochen. Schlimmer als bei Aufstieg. Ein Vergleich ist schwer zu ziehen. Stellt euch vor, ihr nehmt 2 Stufen auf einmal, die so kurz sind wie eine Stufe. Und dann könnt ihr euch nicht einmal sicher sein, ob ihr nicht wegrutscht, wenn ihr das Gewicht auf den Fuß verlagert. Anstrengend und riskant zugleich. Für den Abstieg brauche ich über eine Stunde. Um 16:40 Uhr melde ich mich an der Rangerstation als zurück.

Jetzt ist aber wirklich Schluß. Bin so platt, daß ich es nur mit Mühe und Hilfe des Personals aus dem Sessellift schaffe. Ich nehme die vorletzte Seilbahn um 17:15. Am Ryokan steuere ich gleich auf das Onsen zu. Meine Klamotten sind durchgeschwitzt und staubig (Danke, Asahidake). Ich bin überglücklich die Strecke geschafft zu haben und verbringe abwechselnd den Rest des Abends mit Essen, Baden in angenehmen 41 Grad und dem Massagesessel. Diese drei Dinge machen wirklich glücklich nach 20km Fußmarsch und kumulierten 1500 Höhenmetern (die genaue zahl muß ich mal ergooglen). Dieser Tag war definitiv die Spitze der Reise.

Nachtrag: Es gibt auch noch die „Große Traverse“. Sie beinhaltet meine Strecke (in einfacher Richtung) und 4 weitere Gipfel. Sie ist 56km lang und es sind 5 Tage im Reiseführer angesetzt. Nachdem, was ich erlaufen habe, ist das keine Sache für Flipflop-Träger.


Die Route: Rangerstation (1700 m) -> 黒岳 (1,984 m) -> 北海岳 (2,149 m) -> 間宮岳 (2185 m) -> 旭岳 (2,291 m) -> und zurück -> 間宮岳 (2185 m) -> 中岳 (2113 m) -> vorbei am 北鎮岳 -> Abstecher zum 桂月岳 (1938m) ->  黒岳 (1,984 m) ->  RangerStation (1700 m) — Die Gipel im Daisetsusan sind hier: wikipedia-Link


Kanji-Lexikon: Daizetsusan Nationalparks 大雪山国立公園, Kanji 漢字, Hokkaido 北海道, Ryokan 旅館, Kurodake 黒岳, Hokkaidake 北海岳, Mamiyadake 間宮岳, Asahidake 旭岳, Nakadake 中岳, Hokuchindake 北鎮岳, Kaigetsudake 桂月岳, Onsen 温泉, Seilbahn (Daisetsuzan Sōunkyō Kurodake Ropeway) 大雪山層雲峡・黒岳ロープウェイ


Heute geht es zur Nachbarinsel Rebun. Sie ist anders als Rishiri; länglich, und sie hat keinen Zentralberg (Vulkankegel). Stattdessen soll sie ideal zum Wandern sein.

Die Überfahrt ist ne ganz schöne Hacksee. Man muß sich an die Länge der Wellen gewöhnen: Drei schafft das Schiff. Bei der vierten rammt sich der Bug mitten in die Flanke. Das ganze Schiff zittert. Die Gischt schießt hoch. Am Hafen muß ich mich kurz orientieren. Das Hotel erkenne ich wieder. Es war meine Option für Rebun. Es fährt ein Bus, aber wo schon in Wakkanai zu unmöglichen Zeiten.

Rebun 1

 Und so starte ich am Hafen auf zum „Forest Road Course“. Bis zur letzten Fähre sind es 5,5 Stunden. Die Strecke ist mit 4 Stunden angegeben. Da ist noch Luft. Der Weg beginnt der Straße nach Motichi folgend und biegt dann in den Nationalpark ab.

Die Landschaft ist der Hammer. Alles ist grün. Mach ein paar hundert Metern hört den Hafen nicht mehr. Ich bin ganz allein. Seit dem Dorfausgang habe ich keinen einzigen Touristen mehr gesehen. Noch ist der Weg ein breiter Schotterweg. Es geht bergauf und bergab.

Ein kleiner Trampelpfad zweigt ab und führt den Berg hinauf. Da oben muß die Aussicht gut sein, also hinauf. Das war ein guter Gedanke. Ich kann weit schauen. Die ganze Insel ist grün. Überall ist es grün; na gut nicht alles. Aber das, was nicht grün ist, ist blau. So muß Urlaub sein.

Ich gehe weiter. Nach 1h 20min bin ich beim Abzweiger zu den „Rebun Falls“. Hmmm, ich bin schneller als die Karte angibt. Zu den Falls sind  es 2 Stunden für Hin- und Rückweg. Paßt. Irgendwie. Der Wanderweg war bisher ein mittelmäßiger Schotterweg. Ich habe dabei nur vergessen, daß das in Japan die dicken Linien in der Karte sind. Und die kennen da noch dünn, ganz dünn und gestrichelt. Der Weg zu Rebun Falls ist letzteres.

Rebun 2

Der Weg führt bergauf, dann bergab durch einen kleinen Wald (mit Flußlauf) und wieder bergauf. Das war die dünne Linie.  Oben angekommen blickt man in ein Tal. Zwischen den Bergflanke sieht man den Ozean. Kommen wir jetzt zu den ganz dünnen Linien: Der Weg nach unten ist loses Geröll und ein Seil, das den groben Wegverlauf markiert und das einzige ist, was einem vom Sturz abhält. Irgendwie habe ich es geschafft unten anzukommen.

Ich folge dem Flußlauf. Der 20cm breite Trampelpfad zu Ende, womit wir bei „dünn gestrichelt“ wären: Auf der anderen Seite des Flusses sehe ich einen gelben Pfeil auf den Fels gemalt. Aha. Das ist der Weg. Trampelpfade sind out; es bleiben Pfeile. Seitenwechsel. Wenn da nur nicht diese nassen glitschigen Steine wären. Es geht weiter mit gelben Punkte hier, einem Seil da. Mit Seil meine ich einen Tampen, der mit einer Seite festgenagelt ist. Je nach Richtung kann man sich abseilen oder daran hochziehen. Kein Trampelpfad, nichts. Ich habe das Gefühl ich bin der Erste, der hier wandert.

Am Ende des Weges steht man wieder auf Meeresniveau (super, das darf ich gleich alles wieder raufklettern) in einer kleinen Bucht. Der Flußlauf endet hier in einem kleinen Wasserfall: Rebun Falls. Groß ist er ja nicht. Viel Wasser hat er auch nicht.

Rebun 3

Nach einer kurzen Pause der Rückweg. Ich treffe einen Ranger. Wow. Der erste Mensch seit nunmehr 3 Stunden. Er ist genauso erstaunt wie ich, hier draußen einen Menschen zu treffen. Dann kommt der Berg mir dem losen Geröll. Man ist das anstrengend. Den Zickzack hinauf. Man hat das Gefühl man kommt dem Ziel kein Stück näher.

Zurück am ursprünglichen Wander die Frage: den gleichen Weg zurück oder den „Forest Road Course“ beenden? Restzeit nach Karte 3 Stunden. Restzeit nach Uhr 2h 50min. Knapp, aber könnte passen. Also los. Ich forciere das Tempo ein wenig und kann bergab 20 Minutes rausholen. Das wird ne Punktlandung.

In Kafuaki endet der Weg durch den Nationalpark. Es geht 5,2km an der Küste entlang zurück. Langweilig. Aber die 11,7km durch den Park haben gelohnt. Japp, ich mußte auch zweimal rechnen. 16,9km in 5 Stunden (trotz gestrichelter Linien auf der Karte). Ich bin dennoch froh wieder am Hafen zu sein. Ein langer Weg, den ich mit Ramen belohne.

Nachtrag: Der Sonnenbrand von der Radtour nach Soyamisaki ist heute nicht unbedingt besser geworden.


Fazit: Der Tag war ein voller Erfolg. Ohne die Zeit im Nacken wäre es noch schöner gewesen. So ganz alleine unterwegs zu sein, hatte was. Die Fotos geben das bei weitem nicht wieder. Das war bisher der beste Einzeltag. Er verdrängt Toya auf Platz 2.

Rebun ist definitiv eine Reise wert, auch wenn die Wildblumen nicht blühen. Wer Rebun und Rishiri sehen will, sollte lieber auf Rebun übernachten und Rishiri zum Tagesausflug machen. Rebun ist für lange Wanderungen traumhaft. Die Abfahrtzeiten der Fähre sind dabei hinderlich. Rishiri kann mit der Japan-Crashkurs-Busreise erkundet werden, die auch die Fähren abgestimmt ist.


Kanji-Lexikon: Rebun 礼文島, Rishiri 利尻島, Ramen ラーメン

Heute geht es nach Toya. Die Zug-/Busverbindung ist nicht ideal. Ich starte um 9:18 Uhr in Sapporo. Ein Bus bringt mich um 11:15 von Toyaeki nach Toyako. Hier ist nichts los. Der Ort wirkt herunter gekommen. 2008 war hier der G8. Wirklich? Selbst für off-season wirkt es zu verlassen; fast so als wäre nach dem Gipfel hier alles dem Verfall preisgegeben worden. Jedes zweite Hotel steht sicherlich schon seit Jahren leer. Zum Showa Zan muß ich noch einen weiteren Bus nehmen. Um kurz nach 12 Uhr bin ich endlich am Ziel.

Toya, Showa-Zan

Links ein rostroter Vulkankegel. Kaum zu glauben, daß der 1942 noch nicht da war. Der Kegel ist 211 m hoch und er wächst immer noch. Der Farbkontrast haut einen um. Tiefblauer Himmel, das Grün der Bäume und dazu dieser rostrote Gesteinskegel ohne nur einen einzigen Grashalm daraum.

Ich mach ein paar Fotos und dann geht es zur Seilbahn und mit dieser hoch zum Kraterfeld. Der letzte Ausbruch hier in Toya war 2000. Damals wurde ein Teil der Stadt zerstört. Das Feld, zu dem die Seilbahn führt, ist älter (und ungefährlicher?). Kurz wird mir bewußt wo ich bin. Ein paar Meter entfernt von mir wächst ein Lavadom gen Himmel und vor mir ein Feld mit aktiven Krater; überall steigt Dampf auf. Der Vulkan Aso vor 4 Jahren war im direkten Vergleich friedlich.

Ich gebe mir einen strikten Zeitplan, denn wenn ich den Bus um 16:20 Uhr verpaase, hänge ich hier fest. Alle Busse danach verpassen den letzten Zug zurück nach Sapporo. Fast schon wieder ein Aso-Äquivalent. Die Wanderung beginnt mit fiesen Stufen bergauf. Sie sind zu lang, um sie in einem Schritt zu nehmen, und zu kurz für zwei Schritte. Die Aussicht ist super. Man sieht Toyako samt Insel und Showazan, auch die Küste auf der anderen Seite. Das Wetter ist perfekt. Der Taifun ist an Hokkaido vorbeigeschrammt (hat Tokyo platt gemacht). Die Rückseite eines Taifun ist immer sonnig.

Wanderung

Jetzt geht es japanische Stufen bergab und der Geruch von Schwefel wird stärker. Der Weg (etwa 1m breit und nur Geröll) führt auf der Rim um den Krater; ein wahre Gratwanderung. Libellen, überall Libellen. Es müssen hunderte sein. Sie schwirren herum und sitzen auf dem Seil, das den Weg zu beiden Seiten sichert. Die Sonne. Der Sound der Zikaden. Perfekt. Ich wandere weiter und weiter.

Dann ist der Weg zu Ende. Es führt ein Pfad steil bergab zu einem Bahnhof. Ich kann das Schild nicht entziffern. Es könnte der Bahnhof an der Strecke nach Sapporo sein. Könnte … Ich gehe lieber den Weg zurück, den ich kenne.Ich liege gut in der Zeit und kann die Aussicht und das Wetter genießen. Jetzt kommt die Treppe von vorhin. 297 Stufen laut Plan. Ich glaube es nicht und zähle: 586. Dachte ich es mir doch.

Kurz vor 16 Uhr bin ich zurück an der Seilbahn ins Tal und quetsche mich in die vorletzte Gondel hinab ins Tal. Glück. Denn ich ahne, daß die nächste Gondel den Bus verpassen würde. Schnell kaufe ich noch ein „Ho(t)kaido“ Noren und etwas zu Essen.

Am Busdepot habe ich 45 Minuten Wartezeit auf den Bus zum Bahnhof und somit die Gelegenheit, den zerstörten Stadteil zu besuchen, der jetzt eine Art Memorial ist: Eine Geisterstadt, grau, zerstört. Die Natur erobert sich mit Unkraut die Gebiete zurück. Der Anblick macht depressiv. Eine Brücke steht zwischen Wohnhäusern. Deplatziert. Hier gehört sich nicht hin. Sie wurde vom Schlamm mehrere hundert Meter mitgerissen. Die Häuser wirken beklemmend; teilzerstört und die Möbel noch wie am Tag der Evakuierung.

Kraterfeld

Nach der Busfahrt zum Bahnhof habe ich wieder Wartezeit und genieße den Sonnenuntergang. Der Express fährt erst um 19:40 Uhr. Das ist noch über eine Stunde entfernt und nichts zu tun. Hier gibt es nicht einmal ein Resto oder Izakaya. Vor dem Bahnhof steht der Straßenname: Ekimaeodori. Moment. Ja doch, ich habe die Kanji gelesen und erst danach nach der englischen Version gesucht.

Ich nehme den Local um 18:34 Uhr, der mich allerdings nur bis Higashi-Muroran bringt. Eventuell gibt es dort einen Anschluß vor dem Express. Wenn nicht, kann ich dort immer noch in den anderen Zug umsteigen. Ich habe Glück. Während ich in Higashi-Muroran warte, rollt der Cassiopeia ein und stoppt. Chance für Fotos. Eine Chance, die auch etwas 20 Japaner nutzen. Cassiopeia und Hokutosei sind in Japan berühmte Züge.

Das geplante Abendessen im Cross-Hotel-Resto fällt aus. Geschlossene Gesellschaft. Also ab in den Gyoza-Laden gleich um die Ecke. Chao Chao. Den Namen kenne ich doch? Richtig, der Laden in Tokyo. Und es war eine gute Idee. Das Finale des Tages ist ein Bad im Hotel-Onsen im 18F (17. Stock) mit Blick auf Sapporo.


Fazit: Die Reise zum Showa-Zan hat sich gelohnt. Der Ort Toya ist nicht der Rede wert. Eine Wanderung in dem Kratergebiet dagegen „highly recommended“. Natürlich muß das Wetter mitspielen. Die Anreise ab Sapporo raubt Zeit und Nerven. Aber wo soll man sonst übernachten? Eventuell in Hakodate?


Kanji-Lexikon: Toya 洞爺湖, Showa Zan 昭和新山, Gyoza 餃子, Cassiopeia カシオペア

Info: Showa-Zan is designated as a „Special natural monument of Japan“

Beim Frühstücksbuffet wird umdisponiert: Morioka besichtige ich am übermorgen, wenn ich abreise. Heute wird es eine völlig unspektakuläre Wanderung im Iwate-Gebirge. Btw … Das japanische Frühstücksbuffet ist ähnlich umfangreich wie das Dinner. Aber ich kann mich immer noch nicht dafür erwärmen. Ich bin halt der Toast plus Kaffee Typ.

Nach dem Frühstück geht es zur Kreuzung, wo der Bus hält. Eine halbe Stunde später stehe ich an der Endhaltestelle mitte in den Bergen. Schnell ein Foto vom Fahrplan. Der letzte Bus fährt im 16:15 Uhr, der vorletzte um 15:30 Uhr. Letzteres wird meine Zielmarke. So habe ich einen Notfallpuffer und  knapp 4 Stunden zum Wandern.

Hier unten liegt ein wenig Schnee, weiter oben noch eine ganze Menge. Der Weg wird lang und steil. Mal sehen wie weit ich komme. Ich suche mir einen Wanderstock und gehe los. Die Steigung erreicht schnell Werte nahe 100% und geht in die Beine. Es gibt keinen Weg. Ich gehe einfach quefeldein bergauf. Grobe Orientierung bietet eine Seilbahn rechts vo mir. Nach einer Stunde erreiche ich die Schneegrenze und etwa die Hälfte ist geschafft. Jetzt geht es durch ein Waldstück. Jetzt wird es richtig anstrengend und gefährlich. Tauwetter. Ich sacke immer wieder tief in den Schnee. Nach dem Wald ist es noch ein Stück querfeldein. Ich suche mir Wegmarken für den Rückweg.

Oben angekommen finde ich einen kleinen Pfag mit einem nicht mehr lesbarem Schild. Ich laufe etwas auf dem Bergrücken entlang und such nach guten Motiven. Auf der einen Seite sehe ich die Busstation und die Straße im Tal. Weiter hinten eine Ortschaft. In die andere Richtung ist nichts; nur Berge, Schnee und Landschaft. Am liebsten würde ich immer weiter gehen. Der Vorteil hier oben: Ich bin ganz alleine. Diese Ruhe ist einfach herrlich. Der Nachteil: Ich bin ganz alleine. Wenn es scheif geht, ich mich verletze, habe ich ein großes Problem.

Irgendwo muß der Krater des Iwate sein, ist schließlich ein Vulkan. Es riecht nach Schwefel und es gibt hier Quellen für Onsenwasser. Weit weg kann er nicht sein. Es reizt, den Weg zum nächsten Gipfel zu folgen, in der Hoffnung, daß dahinter der Krater ist. Aber wenn ich es mit dem Bus erst meine, sollte ich jetzt umdrehen. Der Abstieg ist gefährlicher als der Aufstieg.

An einer Stelle im Wald höre ich Wasser rauschen. Ein Bach? Wohl eher Tauwasser, das unter der Schneedecke fließt. Ich sehe ein Loch im Schnee und unten das Wasser fließen. Schnee, Loch, Wasser? Schon breche ich ein und bin bis über die Knie im Schnee. Abgesehen davon geht der Abstieg geht wie geplant voran. Schneegrenze. Ab jetzt Gras, flache Büsche und Gestrüpp als Weg. Ich muß auch einen anderen Weg hinab nehmen. Es ist zu steil. Eine Stolperfalle nach der anderen. Ich rutsche weg, nicht zur ein Mal. Ohne hohe Wanderstiefel mit Knöchelschutz wäre das schief gegangen. Die Kamera kriegt einen ab, aber funktioniert noch. Scheint nichts passiert zu sein.

Ich erreiche pünktlich das Tal und veschiebe meine Abreise auf den letzten Bus. So nahe der Haltestelle kann ich das riskieren. Ich finde das Onsen, für das oben das Wasser gefördert wurde. Zum Baden bleibt zu wenig Zeit. Aber es gibt was zu Essen. Mein Proviant war schon auf dem Berg zu Ende. Also einmal Ramen und ein Bier.

Gegen 17 Uhr bin ich wieder an der Kreuzung. Shopping im 7-eleven und dann geht es zu Fuß zurück nach Tsunagi. Der Weg ist erfreulich flach. Kirschbäume stehen überall. Die fallenden Blüten bilden einen weißen Teppich auf dem Gehweg. Eine Abzweigung und ein Steg durch ein Schilffeld. Das kommt auf dem Foto bei weitem nicht so gut rüber wie in live. Die Abzweigung endet an der Brücke nach Tsunagi. Zum Sonnenuntergang noch ein Abaschlußbierchen am Ufer und dann zurück ins Hotel. Abendessen und Onsen.

Vom Fuji nach Tokyo sind es nur zwei Stunden, wenn man den richtigen Bus nimmt! 2004 habe ich mehrere Stunden mit JR und Co. gebraucht, um nur in die Nähe vom Fuji zu kommen. Wenn ich einen sehr späten Bus nehme, hätte ich genug Zeit für Mt. Fuji. Heute kann man die Spitze sehen. Und die Sonne scheint auch. Mit dem Bus geht es zur 5. Station bei etwa 2500 Höhenmeter. Bergauf will man die Strecke nicht laufen.Es gibt aber zwei Sachen, die ich nicht berücksichtigt habe: Ich werde erst um 11:50 an der Station sein und ich muß des Bus um 14:30 Uhr nehmen. Die Zeit reicht nicht bis zur Spitze.

Erstes Chaos am Ticket Counter, ein zweites Bus: Zu viele Leute für zu wenig Bus, allerdings hat der Fahrer mein Ticket bereits kassiert. Argh. Ich ergattere irgendwie einen Stehplatz und los geht es. Im Zick zack geht es bergauf. Alle paar Meter gibt es ein Schild, un man hat die nächsten 100 Höhenmeter geschafft. Die fünfte Station sieht aus als wäre sie in Östereich.

Der Weg beginnt als wirklich gut ausgebauter Wanderweg bergab. Wieso bergab? Dann wechselt der Weg auf „bergauf“ und „schlechte Schotterpiste“. Das wird auf die Knochen gehen; loses Geröll und Baumwurzeln, dazu schräge Stufen. Der Nebel wird stärker. Hänge wohl gerade in einer Wolke. Es folgt ein Geröllweg aus Vulkangestein mit einer geschätzten 10%-Steigung und Stufen. Geht in die Knochen und auf die Kondition. Ich ich mein Tempo halten kann ist fraglich. Ich überhole einige Reisegruppen und komme immer wieder ins Gespräch.

Der Blick geht den steilen Berg hinauf. Die Wolken sind jetzt unter mir. Man sieht den Wanderweg im Zickzack und eine Station. Es ist Nummer 7. Die 6 habe ich verpaßt. Noch 20 Minuten bis ich umdrehen muß. Ich blicke nach unten; eine Wolkenlücke. Man hat Sicht auf Kawaguchiko wie aus einem Flugzeug. Die Höhendifferenz ist knapp 1900 Meter. Beieindruckend. Ich versuche die anderen Fuji-Seen zu finden. Aber da kommt auch schon die nächste Wolke unter mir (!) und versperrt die Sicht.

Als ich endlich bei Station 7 ankomme bin ich platt. Pause. Ich kaufe nun doch einen Wanderstock als Beweis, daß ich hier war. An Station 5 habe ich mich diesem Tourikram noch verweigert. Die Preise haben sich gegenüber Station 5 verdoppelt und gegenüber Kawaguchi verdreifacht. Das gilt auch für Getränke. Ich genieße für eine kurze Zeit die Aussicht; nach unten auf die Wolken und nach oben zum Gipfel. Er sieht zum Greifen nach aus. Aber 2 Stunden Aufstieg sind das mindestens. Nach Karte sind es noch über 1000 Höhenmeter. So kurz vorm Ziel… Ein bischen ärgere ich mich schon. Aber ein Blick auf den Weg von Station 7 zu Station 8 sagt alles. Es gibt keine Geröllstrecke mit fieser Steigung und Stufen mehr.  Ab hier ist es pure Steine und der Weg ist ein ein dünnes Seil, das die Richtung vorgibt. Steigung 100%. Au Weia. Multipliziere ich das mit den ganzen Rentnergruppen, die ich überholt habe… Au Weia.

Nun aber zurück. Und ich dachte bergab ist einfacher. Falsch, es ist schwieriger. Man muß mit jedem Schritt abbremsen. Macht man das nicht, wird man immer schneller und Bremsen wird unmöglich. Es geht mehr in die Knochen als der Anstieg, zumal man von diesem schon am Limit ist. Gut, daß ich 2004 diese schweren Meindl-Wanderschuhe gekauft habe. Die retten mir meine Knöchel. Man rutscht verdammt schnell weg, und sich hier was Verstauchen ist nicht die beste Idee des Tages. Kurz vor Station 6 bin ich verwirrt. Wo kommen die Stufen her? Die gab es doch auf dem Hinweg nicht. Anscheinend gibt zwei Wege, hoffe ich. Jetzt habe ich auch Station 6 am dem Stock. Nach einigen hundert Metern eine Gabelung und es geht bergauf. Ich bin wieder auf vertrautem Gelände. An Station 5 habe ich noch 20 Minuten bis zum Bus. Perfektes Timing.

Um 15:30 Uhr bin ich wieder in Kawaguchiko. Mein Bus fährt um 18 Uhr nach Tokyo. Wäre da doch bloß ein späterer Bus gewesen, dann hätte ich auch noch die Station 8 geknackt. Was mache ich jetzt mit den 2 Stunden? War da nicht eine Brauerei auf dem Weg? Auf geht es mit dem lokalen Bus. Die Brauerei wirkt sehr deutsch. Mehr als nur Zufall. Ich bestelle ein Bier namens „Rauch“, das mit smoked malt bebraut wird. Und es schmeckt wirklich nach Holzkohle. Gewöhnungsbedürftig, aber definitiv einzigartig. Zurück am Bahnnhof dann der nächste Spaß: alle Busse nach Tokyo Eki sind ausgebucht. Also doch mit dem Zug? Zum Glück gibt es einen Bus um 18:30 Uhr nach Shinjuku.Wann lerne ich endlich, daß Shinjuku und Tokyo für Japaner zwei verschiedene Dinge sind. Von dort schaffe ich das schon irgendwie. Und hätte den anderen Bus ins Tal … Station 8 … Arghh.

Bussteig 3. Ich brauche den Bus Nummer 2. Nummer 1 fährt los und nun? Wo ist die zwei? Nach endlosen 10 Minuten (Verspätung) trifft er endlich ein. Ich hatte gerade so einen Aso-Flashback. Auf der Rückfahrt wird mir klar: Ich will auf den Gipfel. Ich werde also noch einmal zum Fuji. Und ich werde an Station 1 starten. Mein Wanderstab soll alle Brandsiegel haben. Das Ganze will gut vorbereitet sein, inklusive eine Übernachtung auf dem Gipfel. Das benötigt eine gute Absprache mit den örtlichen Stellen.

In Shinjuku das kurze Chaos mit meinem Gepäck und der Yamanote. Ich brauche unbedingt eine entspanntere Bahnlinie. Endlich im Hotel angekommen will ich nur noch duschen, etwas essen und schlafen. Die Ausbeute von heute: ein Wanderstock und die Erkenntnis, daß man in seine Reisepläne auch Busse und Nicht-JR-Bahnlinien einplanen sollte.