新幹線 .. Shinkansen .. Einleitung

Meine erste Reise in 2004 war natürlich vorgeprägt durch all die Anime, die ich bis dahin geschaut habe. Folglich hatte ich eine gewisse Erwartungshaltung  was auch mich zukommen wird. Als ich einen Shinkansen und Tokyo gesehen habe, war mir klar: die Zukunft in manchen Anime ist einfach die lineare Fortführung von Japan heute.

Shinkansen (新幹線) heißt übersetzt „neue Stammstrecke“. Es bezieht sich auf das Schienennetz und meint eigentlich nicht die Züge.  Diese haben genau genommen keinen eigenen Name, daher ist es durchaus sinnvoll, den Begriff Shinkansen auch für die Züge zu benutzen.

Ein eigenes Schienennetz

Der normalen Schienenverkehr in Japan fährt auf Kapspur (1067mm). Dies ist historisch bedingt. Der Vorteil der Kapsur ist, dass sie kleine Kurvenradien zulässt, was gerade bergigen Regionen hilfreich ist. Allerdings sind mit dieser Spurbreite keine Hochgeschwindigkeiten (weit über 200 km/h) möglich.

Als in den 1960ern der Shinkansen als neue Hochgeschwindigkeitsstrecke geplant wurde, entschied man sich für die Normalspur (1435mm).1 Dies erforderte den Bau eines komplett neuen Schienennetzes (daher der Name Shinkansen).

Der unglaubliche Vorteil ist die damit erzwungene Trennung der Hochgeschwindigkeitszüge vom restlichen Zugverkehr (Pendlerzüge, Regionalzüge, Frachtzüge, usw.).

Geschichte

Als indirekter Vorgänger kann die Minamimanschu-Eisenbahn gesehen werden, die auf Normalspur fuhr.

Erster Versuch: Erste Pläne für eine Normalspurstrecke für die Tokaido- und San’yo-Strecke wurden bereits 1939 gemacht. Das Ziel war Tokyo-Osaka in 4,5 Stunden. Der Baubeginn war 1940. Die Bauarbeuten wurden dann aber im Krieg eingestellt und nicht wieder aufgenommen.

der erste Versuch: In den 1950ern wurde die Planungen wieder neu aufgenommen. Bereits jetzt entschied man sich für Triebzüge (ohne Lokomotive). An der Normalspur wurde festgehalten.

Als erster Prototyp kann der Zug Odakyu 3000 SE, Baureihe 20 (BR 151) angesehen werden, der allerdings auf Kapspur fuhr. Er erreichte 1959 mit 163 km/h einen Geschwindigkeitsrekord.

  • 1958 wurde die Strecke Tokyo-Osaka genehmigt.
  • Baubeginn war am 20.04.1959.
  • 1962 erfolgte die erste Testfahrt auf dem Streckenabschnitt ShinYokohama – Odawara

Tokaido-Shinkansen: Der erste große Meilenstein war die Eröffnung des Tokaido-Shinkansen (Tokyo-ShinOsaka) am 01.10.1964 anlässlich der olympischen Spiele. Damals hatte die Verbindung bereits einen 30-Minuten-Takt. Mit Spitze 210 km/h schaffte der Zug die 515,4 km in 3 Stunden 10 Minuten.2

  • 1967 wurde der 100.000.000ste Passagier befördert.
  • 1970 wurde anlässlich der Weltausstellung in Oosaka der Tokaido-Shinaknsen auf 16 Waggons erweitert, die bis heute Standard ist.
  • 1976 wurde 1.000.000.000ste Passagier befördert.

San’yo-Shinkansen: 1967 war Baubeginn der Verlängerung der Strecke von Osaka nach Westen bis Hakata auf der Insel Kyushu. Die Strecke bis hinunter nach Hakata ging am 10.03.1975 in Betrieb.

Tohoku- und Niigata-Shinkansen: 1971 war Baubeginn für den Tohoku-Shinkansen. Dabei wurde die beiden Strecken nach Sendai und Niigata gleichzeitig in Angriff genommen. Erst 1982 ging die Tokohu-Strecke in Betrieb, endete aber nördlich von Tokyo in Omiya. 1985 war die Strecke bis Ueno verlängert.

Da es ab jetzt etwas unübersichtlich wird, folgen die weiteren Daten chronologisch und nicht nach Strecke getrennt.

  • 1974 war Baubeginn für den Narita-Shinkansen. Der Bau wurde 1987 eingestellt. Die Anbindung des Flughafen erfolgt heute um den Limited Express NEX (Narita Express) von Japan Rail (JR) und dem Keisei-Liner.
  • 1981 erreichte die Franzosen vergleichbare Geschwindigkeiten
  • 1983 wurde Zeitkarten für den Shinkansen eingeführt
  • 1985 wurde Doppelstockwagen für 100er Serie eingeführt

Zwischenstand: Ende 1980er gab es 1831 km auf 4 Strecken. Der Shinkansen hatte 85% Marktanteil auf der Strecke Tokyo-Oosaka. Zudem wurde die Reisegeschwindigkeit auf 300 km/h erhöht.

Krise: 1987 führte die Finanzlage zur Aufspaltung und Privatisierung der japanischen Bahngesellschaft JNR in mehrere Gesellschaften: Japan Rail East, Japan Rail Central, Japan Rail West, Japan Rail Kyushu sowie Japan Rail Hokkaido.

JR Central übernahm den Betrieb der Tokaido-Strecke von Tokyo bis Osaka. JR West übernahm die San’yo Strecke. Alle Strecke westlich von Tokyo (Tohoku- und Niigata-Shinkansen) gingen an JR East.

  • 1991: Umstellung der Beziehungen zwischen den Gesellschaften
  • 1992: Yamagata-Linie mit Baureihe 400 (Fukushima-Yamagata)

Ich muss das Datum noch mal prüfen, aber 1992 dürfte das Jahr sein ab dem der Tohoku-Shinkansen bis Tokyo Eki führte.

  • 1997: Akita-Linie mit Baureihe 3E (Morioka-Akita)
  • ab 1997: Ausbau des Hokuriku-Shinkansen (Nagano-Kanazawa)
  • 1999: Baureihe E3-1000 + Verlängerung der Yamagata-Linie nach Shinjo
  • ab 2002: Ausbau des Tohoku-Shinkansen (Hachinohe-Aomori)
  • ab 2004: Ausbau Kyushu-Shinkansen (Hakata-Kagoshima)
  • ab 2004: Ausbau des Hokkaido-Shinkansen
  • 2012: Freigabe des Seikan-Tunnel für den Shinkansen
  • 2015: Freigabe des Shinkansen bis Kanazawa
Der Shinkansen heute (einige Fakten)
  • Heute wird der Shinkansen durch 6 separate Gesellschaften: JR East, JR West, JR Central, JR Hokkaido, JR Shikoku, JR Kyushu betrieben.
  • Täglich verlassen 600 Shinkansen den Hauptbahnhof Tokyo auf 10 Bahnsteigen. Das ist ein 3-Minuten-Takt. … In your face Deutsche Bahn.
  • Die kumulierte Verspätung aller Züge am Tag beträgt weniger als 5 Minuten, das sind weniger als 6s pro Zug.
  • Der Shinkansen bewältigen 30% des Passagieraufkommen im Zugverkehr.
Geschwindigkeiten:
  • Durchschnittgeschwindigkeit des Nozomi mit Stops: 206 km/h
    (Strecke: Tokyo-Oosaka, 4 Stops, 2h 30min)
  • aktuelle Höchstgeschwindigkeit im Regelbetrieb: 320 km/h
  • Höchstgeschwindigkeit im Test: 433 km/h
  • Test für Regelbetrieb mit E954 und E955: 360 km/h

Zum Vergleich: Rekord von Siemens Velora E mit 404 km/h (2006). Der TGV verkehrt mit 320 km/h und hat ein Maximum von 360 km/h. Der deutsche ICE schafft im Betrieb „nur“ 300 km/h.

Hayai: Der Shinkansen ist schnell. Hier ein video von Durchfahrten des Shinkansen in Bahnhöfen. Zur Erinnerung: Ein Waggon ist 25m. 16 Waggons machen 400m Zuglänge. Nach 6 Sekunden ist der Zug durch.

Sicherheit / Unfälle:
  • Eigenes Schienennetz (Ausnahme „Mini-Shinkansen“)
  • Niveautrennung des Schienennetzes (nahezu durchgängig auf Stelzen)
  • Unfälle mit Toten: 0 (nicht berücksichtigt: 1 Selbstmord im Zug)
  • Unfälle mit Personenschäden: 0
  • Unfälle: 8 (4x durch Erdbeben)
  • Entgleisung: 4 (3x durch Erdbeben, nur 2x im Regelbetrieb)

Hier eine Auflistung:

  • 20.04.1965: 6,1-Erdbeben mit sicherem Notstop der Züge
  • 25.04.1966: Bruch einer Radsatzwelle, keine Entgleisung
  • 21.02.1973: Entgleisung in einer Weiche durch Fahrfehler bei Betriebsfahrt; nachfolgende Züge im Passagierbetrieb wurden sicher gestoppt
  • 30.09.1991: blockiertes Rad und Materialschaden in Folge
  • 17.01.1995: 7,3-Kobe-Erdbeben; kein Zugebetrieb da früh morgens ereignet
  • 27.06.1999: Schäden bei Tunneldurchfahrt
  • 09.10.1999: Schäden bei Tunneldurchfahrt
  • 23.10.2004: 6,8-Erdbeben, Schnellbremsung, aber 8 von 10 Wagen entgleisen; erste Entgleisung eines Shinkansen im Passagierbetrieb (2 Wochen nach meinem Urlaub, Glück gehabt)
  • 11.03.2011: Während des großen Tohoku-Erdbeben (Stärke 9.1) kam es zu knapp 2000 Schäden auf 500km Strecke. Es gab aber nur eine Entgleisung und diese bei einer Testfahrt, die während des Bebens stattfand.

Bis heute gab es keinen tödlichen Unfall mit dem Shinkansen und auch keinen Unfall mit Verletzten. (Theoretisch gibt es einen tödlichen Zwischenfall in einem Shinkansen, den lasse ich aber nicht gelten, da es sich hierbei um einen Suizid handelt.)

Gaijin-Killer

ChuHai (チューハイ od. 酎ハイ) ist eine Abkürzung für Shochu Highball (焼酎ハイボール), dem in seiner Grundform eine Fruchtgeschmack ergänzt wird; klassisch ist Zitrone.

Shochu (焼酎) ist ein Destillat auf der Basis von Süßkartoffel (imo), Buchweizen (soba), Reis (kome), Gerste (mugi) oder Kastanie (kuri). Als Hefepilz wird Koji verwendet, der auch beim Sake zum Einsatz kommt. Der Geschmack hat daher Ähnlichkeiten zum Sake. Shochu ist aber mit 20-25% wesentlich stärker. Geschmacklich ist er mit Korn und Vodka vergleichbar (daher der Spitznamen „Japanese Vodka“) bekannt.

Highball ist eine Bezeichnung für Cocktails die aus einer Spirituose und Soda (Wasser mit Kohlensäure) bestehen. In Japan selbst meint Highball in der Regel den Whisky-Highball, welchen Suntory mit seinem Blended Whisky „Kakubin“ seit 1937 populär gemacht hat. (Im Sommer kann den echt empfehlen: Whisky+Mineralwasser im Verhältnis 1:10; wer keinen Kakubin hat, kann auch Ballentines nehmen.)

Seit Mitte der 2000er wird ChuHai immer populärer. Das liegt vor allem daran, dass es neben Zitrone nun u.a. auch die Geschmacksrichtungen Pfirsich, Melone, Weintraube, Birne, … gibt. Kurz: ChuHai ist der japanisiche Alkopop und … leider geil.

Aber was ist jetzt der Gaijin-Killer?

Gaijin ist die nicht ganz höfliche Bezeichnung für Ausländer. Killer muss ich wohl nicht erklären. Abwarten. Gleich schließt sich der Kreis … Es gibt die ChuHai meist mit 5-6% Alkohol. Daneben gibt es die STRONG-Serie (sowohl von Kirin als auch von Suntory). Diese Drinks haben satte 9%. Und das ist dann der Gaijin-Killer.

Mit einer Dosengrößen von 350ml oder 500ml sind diese Drinks sehr potent, denn sie haben eine Gemeinheit: Shochu ist von Haus aus sehr mild und der Alkoholgeschmack geht in diesen ChuHai komplett unter. Man kann selbst die STRONG-Version trinken wie Limonade. Wer dies tut, schafft schnell 3 Dosen in einer Stunde. Das ist dann aber das Äquivalent von mindestens einer Flasche Wein … und keine gute Idee.

Ausländer unterschätzen dieses Getränk regelmäßig, zum einen weil sie die 9% falsch einschätzen, zum anderen den Alkohol eben nicht herausschmecken und vor allem aber, weil sie den Japaner ein solches Getränk einfach nicht zutrauen. Diese Überheblichkeit wird Gaijins sehr oft zum Verhängnis.


Räumen wir da doch an dieser Stelle gleich mal mit dem Mythos auf, das Japaner nichts vertragen. Ja richtig, die meisten Japaner sind nach dem ersten großen Bier so durch den Wind wie wir nach einem Sixpack. Aber das heißt, nicht dass die Japaner nichts vertragen. Die halten ihren Zustand während der nächsten Biere. Wir haben da so eine Rampe, die Jürgen von der Lippe gut beschrieben hat, Japaner eher eine Flanke.


Die eine Dose auf dem obigen Bild ist eine -196°C Strong Zero.  Das Zero steht für zuckerfrei (wobei „zuckerfrei“ in Japan heißt, dass weniger als 0,5g/100ml enthalten sind). Strong ist die Starke 9%-Version. Und -196°C ist die Temperatur von flüssigem Stickstoff. Bei dieser Temperatur werden die Früchte schockgefroren und pulverisiert. Das Pulver wird dann in Shochu aufgelöst und fertig ist dieser ChuHai.

Vocaloids .. Wer braucht schon ein Band

Technisch gesehen ist ein Vocaloid ein Software-Synthesizer mit dem eine synthetische Stimme generiert wird. Und dann kam jemand auf die Idee einen Liedtext und eine Melodie einzuprogrammieren. Das Ergebnis? Nun ja, es gibt Vocaloids  die geben Konzerte mit mehreren tausenden Zuschauern.

Damit wir uns hier richtig verstehen: Fans zahlen Tickets für Konzerte eines Softwareprogramms !! Nur in Japan. Nur in Japan.

https://www.youtube.com/watch?v=Gzve2hpLeqc

Ich muss allerdings gestehen: die Konzerte sind Fun. Der Beat ist treibend. Und damit die Bühne nicht leer ist, wird eine 3D-Animecharakter mit Projection Mapping auf die Bühne gezaubert. Die Band ist in der Regel live. Also kann man schon sagen, dass es ein Live-Konzert ist. Nur ist die Band weit im Hintergrund oder hinter den Kulissen versteckt.

Der … Die (?) bekannste Vocaloid ist Hatsune Miku, gefolgt vom Duo Rin und Len.

Habe ich ein solches Konzert schon besucht? Nein. Und der einzige Grund ist, dass nie eines stattfand, wenn ich Tokyo, Osaka oder sonstwo in Japan war. Es steht noch auf meiner Bucketliste.

Und ja, Harumi klingt sehr „anime“. Das ist aber zum Teil gewollt. Zum Teil liegt es daran, dass Hatsune ein älteres System ist. Das war noch nicht perfekt. Heute könnte man es besser machen, aber das wäre dann nicht Hatsune Miku. Und die Vocaloidtechnik hat sich geradezu erschreckend weiterentwickelt. Weiter unten ist ein Lied von Crusher-P. Da kann man nicht mehr so leicht sagen, es ist ein Computer … oder doch ein Mensch (mit Autotune).

Wie fing das Ganze an?

Wie solche Dinge halt anfangen: Yamaha stellte 1998 einen Sprachsynthesizer FS1R vor, der zwischen stimmhaften (‚a‘, ‚u‘) und stimmlosen (‚f‘, ’s‘) Lauten unterscheiden konnten. Das klingt jetzt nicht nach viel, aber 1998 war das ein Knaller (zur Erinnerung: Nokia dominierte den Handymarkt und Internet auf dem Telefon war noch nicht erfunden).

FS1R war damit in der Lage Gesang zu synthetisieren. 2004 wurden die Stimmen von zwei Soulsängern synthetisiert. Dazu musste jedoch zuerst eine Stimmdatenbank generiert werden, in der jeder Laut, jede Silbe hinterlegt war. Erfolgreich war das nicht. Anders war es mit der Stimmendatenbank von Meiko Haigo und Naoto Fuga. Als Meiko und Kaito fanden sie eine (wenn auch sehr kleine) Fanbasis in der Animeszene.

2007 erschein mit Vocaloid2 eine neue Version des Synthesizer. Am 31.08.2007 gab Miku Hatsune ihr Debut. 1000 verkaufte Alben in der ersten Woche und 30.000 im ersten halben Jahr sind kein Kracher, aber wir reden hier immer noch von einer Softwarestimme.

Am 27.12.2007 folgte eine leicht variierte Datenbank unter dem Namen Rin/Len Kagamine. Am 30.01.2029 folgte Luka Megurine. Jetzt alle weiteren Vocaloids aufzulisten, würde den Rahmen dieses kleinen Artikels sprengen. Festzuhalten ist: Es ist ein Markt. Es gibt Fans. Es gibt Konzerte, auch außerhalb von ComiCon.

Fun Fact: Die Stimme vom Roboter ASIMO ist ein Vocaloid.

Einer dieser Momente …

Das Gehirn hat seine eigene Regeln. Meines fragt ständig „Wo ist das?“ oder „War ich da nicht schon?“, wenn ich Fotos oder eine Szene sehe, die aus Japan stammen könnte. So auch bei diesem Bild:

Das Youtube-Video ist nur dieses Bild und dazu gibt es Ambient Music. Die Musik ist nicht so mein Fall. Aber dieses Bild … In meinem Gehirn ging sofort die Analyse los: traditionelle Häuser; Berge im Hintergrund; eine gepflasterter Weg, der bergab führt; dazu das Muster, dass die Pflastersteine bilden: Kein Zweifel. Das ist Magome!

Magome ist ein alte Post Town am Nakasendo, mitten im Kisodani. Der Ort ist definitiv einen Besuch wert; und in meinem Fall auch einen Zweiten. Die Sache hat nur einen Haken. Ich bin alle Fotos durchgegangen. Die Straße hat eine Kurve nach links. Das muss also am unteren Ende des Dorfes sein, da wo die Wassermühle steht. Aber wo ist die Wassermühle?

Wie das Bild von mir zeigt, stimmt das Gebäude und auch das Geländer nicht überein. Also ist es doch nicht Magome? Habe ich eine Kurve nicht mehr in Erinnerung und von der zudem kein Foto? Was ist hier los? Ein schneller Blick auf google-maps bestätigt, dass es nur eine Rechtskurve gibt; hier oder nirgends.

Also kein Foto von Magome? — Doch. Denn ich bin ein Idiot.

Der Fotograf steht mit einem Weitwinkel bewaffnet knapp oberhalb der Steinlaterne. Links sieht man den Anfang von dem Geländer auf dem Foto. Und mit dem Weitwinkel passt dann auch die Rechtskurve aufs Bild. Man sieht sogar die Steinkante, die das Plateau für die Laterne bilden. in dem Youtube-Bild.

Jetzt bin ich beruhigt. Ich hätte sonst die ganze Nacht überlegt, ob es ein virtuelles Magome ist, oder ein anderer Ort, … Und wie es aussieht muss ich noch einmal nach Magome. Wie konnte ich vergessen, diese Szene zu fotografieren.

Big Hero 6 .. wie Japanisch ist es

Big Hero 6 (in Deutschland: Baymax) kam 2016 in die Kinos. Die Geschichte spielt in der fiktiven Stadt San Fransokyo, nicht nur beim Namen eine Mischung aus San Francisco und Tokyo. Die Frage ist: Ist eine Mischung oder nur eine Atrappe?  Eine amerikanische Stadt mit pseudojapanischen Designelementen und Kauderwelsch-Schriftzeichen? … Ich will jetzt auch nicht jede Szene zu Tode analysieren. Schauen wir uns einfach ein paar Szenen an.

Schriftzüge

Die Schriftzüge sind kein Kauderwelsch. Gut. Hier im Screenshot kann man sehr gut Manjuu in Hiragana lesen. Manjuu ist Konfekt aus gestampften Reise mit einer Füllung aus rote-Bohnen-Paste. Lecker und so japanisch. Auch die anderen Beschriftungen sind in verständlichen Japanisch (oder Chinesisch). Das Torii hinter den Schriftzügen ist allerdings Asiadekokitsch. Aber so richtig böse kann ich dem Film nicht sein. Man findet so was auch in Japan.

(Unfreiwillige) Erinnerung an Akihabara

Diese Szene hat mich irgendwie an Akihabara erinnert. Das war sicherlich nicht im Sinne des Erfinders. Oder doch?

Tokyo ist für mich untrennbar mit Bahntrassen auf Viadukten verbunden. Dies mag auch daran liegen, dass mein Hotel in Yushima, unweit von Ueno liegt, wo die Yamanote bis hinunter nach Kanda auch einem Viadukt läuft. Zwischen Ueno und Kanda liegt Akihabara. Und die grüne Eisenbahnbrücke der Chuo-Sobu-Linie ist ein Wahrzeichen dieses Stadtteils.

Ich vermute, dass die grünen Geländer meine Gedanken gelenkt haben. Auffällig ist aber schon, dass die Brücke in Big Hero 6 wie das Proginal 4 Längsträger hat und es unter ihr einen Zebrastreifen gibt.

Die Straßen von San Francisco

Diese Szene ist natürliche Referenz auf San Francisco. Die Slopes (steile Straßen) und die Straßenbahn sind spätestens seit der Serie „Die Straßen von San Francisco“ allen bekannt. Durch die japanischen Elemente erinnert mich die Szene aber auch an Hakodate. Auch in dieser Stadt gibt es Slopes, westliche Holzhäuser und eine Straßenbahn. — Ein passendes Foto habe ich in meinem Archiv nicht gefunden. Ich wohl noch einmal nach Hakodate.

Automaten

Getränkenautomaten in allen Formen und Farben gehören einfach zum Stadtbild von Tokyo (und jeder anderen Stadt). In Big Hero 6 ist es ein Automat für Süßigkeiten und wenn ich jetzt angestrengt überlege, dann habe ich in Japan noch nie einen Automaten mit Süßigkeiten gesehen. Aber die Optik. Das nenne ich Wiedererkennungswert [Link]. Es gibt Automaten mit einem Manga-Maul an der Öffnung. Ich muss beim nächsten Japanbesuch ein Foto machen.

Funktürme

Beim Rundflug habe ich viel Freude an zwei Details gehabt. Das erste ist der Funkturm auf dem Gebäude. Das ist ein Doppeltreffer. Denn zum einen findet man riesige rot-weiße Funkttürme überall in Japan auf Gebäudedächern. Dagegen sind unsere Mobilfunk-Spargelstangen peinlich. Zum anderen ist dieser Funkturm im Film eindeutig eine Hommage an Tokyo Tower, der wiederum den Eiffelturm zum Vorbild hatte. (Funktürme in Eiffelturmoptik sind eine eigene Welt. Fast jede größere Stadt hat einen [Link])

Yatai und Ramen

Das zweite Detail war dieser Yatai auf der linken Seite, der Ramen verkauft (wie man auf dem Vorhang lesen kann). Yatai, diese kleinen mobilen Verkaufsstände, sind fast vollständig aus dem Stadtbild japanische Städte verschwunden. [Warum erkläre ich hier]. In Fukuoka findet man sich noch; und auch in Tokyo, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Die Leuchtreklame im Hintergrund gehört für mich eher in die Kategorie „wie lässt man eine Stadt asiatisch aussehen“. Dennoch. Die Leuchtreklame orientiert sich eindeutig an Kabikucho  und auch Ginza.

Windkraft

Windkraft als Energiequelle der Zukunft darf natürlich nicht fehlen. Technisch finde ich diesen Ansatz eine höchst spannend Alternative zu großen Masten. Beim Design findet sich ein wunderschöne Referenz auf Japan. Immer ab April sieht man überall in Japan die Koi-Nobori, japanische Windsäcke mit Karpfenmotiv, die zum Kinderfest am 5. Mai wehen [mehr dazu hier]. Diese in Windkraftanlagen zu verwandeln würde ich zu gerne in der Realität sehen.

Polizeiautos

Wenn man den rot-blauen Lichtbalken auf dem Dach mal dem amerikanischen Einfluss zuschreibt, dann ist der Rest von den Polizeiautos, angefangen von der schwarz-weißen Lackierung bis hin zu diesem hohen Dachaufbau, aber sowas von japanisch. Wow. Bis hierhin kann ich nicht über Big Hero 6 klagen.

Kabukimaske

Und zuletzt die Kabukimaske des Bösewichtes. Fumble! So kurz vor der TD-Line. Es wäre fast eine zu-Null-Sieg geworden.

Ich will gar darauf eingehen, dass es im Kabuki keine Masken gibt, sondern dickes Make-up (Kumadori genannt) verwendet wird. Eine Maske in diesem Kontext ist durchaus sinnvoll.

Mein Problem ist mit dem Layout, besser gesagt mit der Farbe. Die dicken farbigen Linien markieren Temperament. Soweit ok, aber die rote Farbe ist Helden und Göttern vorbehalten. Für Bösewichter und Charaktereigenschaften wie Wut und Rache, die hier eindeutig die Motivation sind, ist die Farbe blau vorgesehen. Die Maske geht aber eindeutig in Richtung „Mukimi“ (siehe Übersicht), die für Leidenschaft und Attraktivität steht. Äh, Nein.

Fazit

San Fransokyo ist eine gelungene Mischung aus San Francisco (USA) und Tokyo (Japan), mit auch Liebe zum Detail. Ich finde es durchaus gelungen, vom Fumble bei der Maske mal abgesehen. Man hat sich Mühe gegeben und nicht nur eine amerikanische Stadt futuristisch-asiatisch aussehen gelassen, indem man Leuchtreklame montiert und die Dächer einegeschwungene Form haben.