Rediscovering Kisodani

Heute soll es ins Kisodani (Kiso-Tal) gehen. Neben Koyasan ist es der zweite Ort auf dieser Reise, den ich erst zum zweiten Mal besuchen werden. Durch das Kisodani führt die alte Handelsroute Nakasendo, die von Tokyo nach Kyoto führt. Es gibt noch etliche Rast- und Zollstationen an dieser Strecke, die sich in den letzten hunderten Jahren kaum verändert haben. Ich will von Tsumago nach Magome wandern1.

Die Reise beginnt am Bahnhof von Nagoya. So langsam habe ich Orientierung. Mit viel Proviant steige ich in den Ltd.Express der Chuo-Linie2. Und ja, er hält in Nagiso. Den Fehler von 2012 wiederhole ich nicht.

Der Zug verlässt den Bahnhof nach Süden. Da ist ungewohnt, aber wir umfahren Nagoya. Nach drei Stationen sind wir in Ozone. Hier war ich mit meinem Bruder während unserer Tagestour vor drei Wochen.

Wir kommen an Tajimi vorbei, hier bin ich 2018 umgestiegen, als ich nach Mino-ota gefahren bin. Es ist bereits ländlich und die Bebauung nimmt weiter ab. Und es wird bergig. Dann wird es spannend. Nakatsugawa. Ich steige aus, denn dieser Zug endet hier. Ich nutze die Chance, um an der Touristinfo Daten zu sammeln. Mit Blick auf die Rückfahrt sollte ich wirklich mit Tsumago starten und von dort nach Magome zurück wandern. Also schnell in den nächsten Zug. Der Fährt schon in ein paar Minuten.

Und dann bin ich in Nagiso. Mein letzter Besuch hier war 2012, mitten in der Nacht bei fiesem Schneefall. So am hellichten Tag sieht das hier ganz anders aus.

Direkt neben dem Eingang zum Bahnhof ist bereits das Ticketbüro für den Bus, der mich nach Tsumago bringen wird. Auch dem Tresen schläft eine Katze. Sie lässt sich nicht stören. Wenige Minuten später fährt auch schon der Bus.

Wenn ich mich erinnere geht ein Fußweg vom Bushaltepunkt hinauf in die alte Straße. Das hier ist wirklich der alte Nakasendo aus der Samuraizeit. Ich gehe direkt zum Nordende der Stadt. Auf gehts. Ab hier sind es 11 km, knapp 400 Höhenmeter hinauf, aber nur 280 wieder runter (deshalb hatte ich überlegt in Magome zu starten). — Ach ja, die Bushaltestelle unten neben dem Fluss ist auf etwa 420 Höhenmeter.

Die Wassermühle und das Nachrichtenbrett begrüßen mich. Dann laufe ich gemütlich durch Tsumago. Hier an der alten Handelsstraße stehen nur traditionelle Häuser, alte Herbergen und Pferdeställe.

Dann wird es Zeit, Proviant aufzunehmen und Tsumago nach Süden zu verlassen. Ich versuche alles aus dem Gedächtnis zu machen. Hinter der Brücke über den Araragi-Fluss stehen noch ein paar Häuser. Eines ist der Ryokan von 2012. Ob es das noch gibt? Ryokan Hanaya. Ja, da ist es. Etwas weiter durch als ich erinnere. — Ach ja, wir sind auf etwa 500 Höhenmeter.

Etwas später kreuzt der Weg den Highway 7. Hier beginnt der gepflasterte Weg durch den Bergwald. Hier entstehen viele Fotos, die man im Internet findet.

Ab jetzt geht es bergau; immer bergauf. Der erste Zwischenstopp sind die Wasserfälle Odaki und Medaki. Für die muss ich steil bergab. Arghh. Das muss ich gleich alles wieder hinauf. Aber der Umweg lohnt sich halt. — Ach ja, die Wasserfälle sind bei etwa 600 Höhenmeter.

Jetzt muss ich die verloren Höhenmeter wieder rauf. Und es war der falsche Weg. Ich stehe am Highway 7. Das ist falsch. Also muss ich die 50 Stufen wieder runter und die erwähnten, verlorenen Höhenmeter noch einmal hinauf. Und es geht weiter hinauf, denn den Berg habe ich noch lange nicht überquert.

Dann geht es doch zwei Mal für ein paar hundert Meter auf dem Highway 7 entlang. Aber nur kurz. Dann geht es wieder in den Zypressenwald.

Ein nächster Zwischenstopp ist beim Ichikokutochi Tateba Chaya. Ein Tasse Tee, offenes Kohlenfeuer. Eigentlich könnte ich bleiben, muss aber weiter. — Ach ja, 700 Höhenmeter.

Ich laufe weiter. So langsam geht die Strecke in die Knochen. Und ich bin langsamer unterwegs als ich dachte. Stress kommt trotzdem nicht auf. Ich schaffe es locker vor der Dämmerung bis Magome.

Endlich. Endlich komme ich zum Magome-Pass auf 800 Höhenmeter. Hier ist die Grenze zwischen den Präfekturen Nagano und Gifu. Das heißt auch: Ich habe 2/3 geschafft und endlich geht es bergab.

Wie viel einfacher der Weg doch wird, wenn die Steigung fehlt. Man kommt auch viel schneller voran. Leider ist dieser Abschnitt nicht so schön im Wald. Er ist im Vergleich fast schon langweilig. Aber raus aus dem Wald heißt auch Fernsicht.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es sich Magome so lang hinzog. Aber gleich sollte sie kommen: die Kreuzung mit der Nachrichtentafel. Hier beginnt auch die sehr hübsch gepflasterte Straße durch Magome. Die Gebäude sind etwas moderner als die in Tsumago. Viele sind weiß gestrichen. Dadurch hat Magome einen anderen, ganz eigenen Charme.

Ich laufe die Straße runter bis zur Mühle. Hier ist Magome zu Ende. Es fängt an zu dämmern. Ich habe die Zeit perfekt ausgenutzt. Jetzt sind fast alle Touristen weg. Ich laufe noch mal rauf und runter für eine zweite Runde Fotos. Ein Geschäft hat noch offen. Zeit für ein Bier ist immer.

Jetzt ist es Zeit für den Bus zurück nach Nakatsugawa. Ich überlege kurz, ob ich die Strecke laufe. Es wäre bergab, weiter dem Nakasendo folgend. Aber nein. Es geht durch Waldgebiete. Es wird dunkel sein. Ich habe keine Lampe und ich weiß nicht, wie die aktuelle Situation mit den Bären hier ist. Zwischen Tsumago und Magome war ich sicher, dass die vielen Touristen die Bären auf Distanz halten. Magome-Nakatsugawa läuft aber keiner, schon gar nicht nachts.

Es gibt genug Zugverbindungen nach Nagoya, sodass ich hier etwas Essen kann.  Ich laufe die Straßen entlang. Es gibt ein paar Optionen. Die meisten sind an der 71. Die Straße heißt Registro Dori (in Katakana). Fragt mich nicht warum. An der zweiten Ampel kreuzt übrigens der Nakasendo die 71. Hier wäre ich also angekommen, wenn ich gelaufen wäre. Vielleicht beim nächsten Besuch.

So wie es aussieht ist Unagi eine große Sache hier. Aber das hebe ich mir für Nartia auf. Ich finde ein kleines Restaurant, das Soba hat: Shokuji Heiwa. Es ist fast direkt neben dem Bahnhof. Deal. Soba ist genau, was ich jetzt brauche. Dazu ein Highball und der Abend hat Struktur.

Ein Blick auf die Uhr sagt: Jetzt starten oder über eine Stunde warten. Dann doch lieber jetzt los. Kaum ist der Zug in Bewegung döse ich weg. Mein Akku ist auf Reserve, aber es hat sich gelohnt. Wie immer hätte ich eine Stunde früher starten können, aber es ist Urlaub.

Auch wenn der Akku alle ist, reicht er noch für einen Stopp in Darumaya. Es ist die Konstante in Nagoya. Das Hotel ist nur zum Schlafen da.  Ich weiß nicht einmal, ob es eine Bar. Wenn ja wird sie von all den Chinesen bevölkert sein, die hier übernachten. Ich glaube ich bin der einzige Europäer hier. Dann lieber den Tag im Daruma ausklingen lassen.

  1. Viele werden die 53 Stationen des Tokaido von Hiroshige kennen. Der Tokaido ist die bekanntere Handelsroute von Tokyo nach Kyoto. Es gibt vom Nakasendo auch eine Bilderserie; Die 69 Stationen des Kiso-Kaido (木曽街道六十九次, Kiso-Kaido Rokujukyu tsugi) stammen von Hiroshige und Keisai Eisen.
  2. Die Chuo fährt im Prinzip von Tokyo bis Kyoto. Allerdings muss man immer wieder Umsteigen. Kein Zug fährt durch.