Wadokei (和時計) sind mechanische Uhren, die die Uhrzeit in der alten japanischen Sytematik anzeigen, welche sich grundlegend von der westlichen Uhrzeit unterscheidet.

Bevor wir starten, noch ein schnell Blick auf die Kanji: 和 bedeutet ganz frei übersetzt „japanisch“. Wir finden es auch in Wagyu (和牛, japanisches Rind –> Kobe Beef). 時 steht für Zeit und Stunde. Das zeichen setzt sich aus Sonne/Tag auf der linken Seite und Tempel auf der rechten Seite zusammen. 計 bezeichnet Messinstrumente. Wadokei ist also das japanische Zeit Messsystem oder auch Messsystem für die japanische Zeit. Ganz ehrlich ich kann nicht unterscheiden, ob sich 和 auf 時 oder 計 bezieht.

Stundensystem

Wie auch im Westen wurde der Tag in Stunden geteilt. Allerdings waren es nur 12 Stunden, die wieder auf den chinesischen Erdkreis mit seinen 12 Tieren referenzieren. Es gibt Uhren, die statt Zahlen die Erdkreise auf dem Ziffernblatt haben.

Und wieder hat Japan eine Besonderheit: Die Stundenlänge war variabel mit der Sonnenscheinlänge.

Zwischen Sonnenaufgang und -untergang liegen immer 6 exakt gleiche Zeiteinheiten. Ebenso gibt es 6 gleich lange Zeiteinheiten in den Nachtstunden zwischen Sonnenuntergang und -aufgang. Japan liegt zwar dichter am Äquator, aber auch hier sind die Tage im Sommer spürbar länger als im Winter.

Und es wäre nicht Japan, wenn es nicht noch sonderbarer werden kann: Die Stunden werden von Mittag und Mitternacht an von 9 rückwärts bis 4 gezählt.

Das Rückwärtszählen hat seinen Ursprung in den Zeitkerzen, die langsam herunter brannten und man so die Zeit gemessen hat. (Hm, es gab also auch eine Zeitmessung mit einer konstanten Zeitlänge(Stundenlänge), oder gab es unterschiedlich lange Kerzen für Sommer und Winter?) Dass man nur bis 4 runterzählt (und deshalb auch bei 9 beginnt und nicht 6) liegt daran, dass die Glockenschläge für 3, 2 und 1 im Buddhismus für den Aufruf zu Gebete genutzt werden.

  •  .. 9 .. (Ratte) = Mitternacht = 0 Uhr westlich
  •  .. 8 .. (Ochse)
  •  .. 7 .. (Tiger)
  • .. 6 .. (Hase) = Sonnenaufgang
  • .. 5 .. (Drache)
  •  .. 4 .. (Schlange)
  •  .. 9 .. (pferd) = Mittag = 12 Uhr westlich
  •  .. 8 .. (Ziege)
  •  .. 7 .. (Affe)
  • .. 6 .. (Hahn) = Sonnenuntergang
  •  .. 5 .. (Hund)
  •  .. 4 .. (Schwein)
Die Historie

Bevor wir  kurz in die Technik eintauchen, hier der historische Kontext: Die mechanische Uhr belangte über Jesuitenpriester (16. Jahrhundert) und später niederländische Händler (17. Jahrhundert) nach Japan; also noch vor dem sakoku, der Schließung der Grenzen für Ausländer. Es ist überliefert, dass Tokugawa Ieyasu [der auch Edo gründete] eine europäische Uhr besaß.

Mit dem Sakoku (1630) stoppte auch der Knowhow-Transfer. Zu dieser Zeit waren das Pendel und die Unruh bei europäischen Uhren noch nicht geläufig. Diese Technik schaffte aus also nicht nach Japan. Die Entwicklung der mechanischen Uhr in Japan ist also ein Stück weit Adaption bekannter Technik, aber auch Parallelentwicklung.

Wadokei .. die japansiche Uhr zur japanischen Zeit

Die Besonderheit der variablen Stundenlänge führte zu Entwicklung der Wadokei, deren Mechanik nicht nur die unterschiedliche Länge der Tages- und Nachtstunden berücksichtigt (und das ist keine Sinus, sonder sind zwei fiese Rampen), sondern dies auch noch über das Jahr hinweg dem Sonnenaufgang und -untergang anpasst.

Erster Ansatz: Realisiert wurde die zwei Geschwingkeiten für die Tagstunden und die Nachtstunden über zwei verschiedene Unruh-Systeme mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. In dieser Konstruktion vergehen zwischen Sonnenaufgang und -untergang immer gleich viele Zeittakte. Der Wechsel zwischen den Geschwindigkeiten kann also mechanisch fest konstruiert  werden. Erste Uhren dieser Art gab es schon im 16. Jahrhundert.

Sie haben aber einen Nachteil: Die Geschwindigkeit muss über den Jahresverlauf immer neu angepasst werden. Bei den meisten Uhren wurden dafür die geschwindigkeitsbestimmende Gewichte zu Beginn es neuen Sekki neu positioniert. Diese Uhren wurden also 24 Mal im Jahr neu eingestellt.

Wegen des geringen Änderung der Tageslänge innerhalb eines Sekki war das System hinreichend präzise für den täglichen Gebrauch. In Norddeutschland wäre das System schon nicht mehr so genau. Während der Äquinoktien ändert sich die Tageslänge um über 6 min pro Tag. Das wären 90 Minuten in den entsprechenden Sekki, oder fast eine ganze Zeiteinheit auf der japanischen Uhr.

Ich frage mich gerade, ob auch ein System konstruiert wurde, bei dem sich die Gewichte automatisch justierten. Denkbar wäre auch ein System mit einem variablen Getriebe und einer festen Grundgeschwindigkeit.

Zweiter Ansatz: Es wird sehr einfach, wenn man die Umlaufgeschwindigkeit des Stundenzeigers konstant lässt. Stattdessen werden die Position der Stundenmarker auf dem Ziffernblatt verschoben. Deren Position über das Jahr wird durch eine Sinuskurve beschreiben, was sich mechanisch konstruieren lässt. Einziger Nachteil: Ein Minutenzeiger lässt sich auf diesem Weg nicht konstruieren. Dafür hat die Uhr aber ein 24-Stunden-Ziffernblatt.

Die Mechanik ist beeindruckend, zumal die Uhr im Foto weitere Ziffernblätter hat, die auch die westliche Uhrzeit, die Mondphase das aktuelle Sternzeichen und Tag und Wochentag anzeigen.

Japan ist bekannt für seine mechanische Puppen. Am bekanntesten ist sicherlich die kleine mechanisch Puppe (cha-hakobi ningyo), die einem eine Tasse Tee bringt, und sich umdreht und zurück geht sobald man die Tasse anhebt. Ich vermute, dass die gesamte Kunst dieser Puppen mit in die Uhrmechanik einfloss.

Das Bild oben ist von der Mannen Jimeishou von Tanaka Hisashige. Sie wurde 1851 fertig gestellt. Kurz bevor die ersten Ausländer Japan betraten und das Sakoku endete.

Weiterführende Links: [watchesbysjx][seico.co.jp][wikiEN]

Es gibt eine Armbanduhr namens Wadokei Revision. Sie hat westliche Uhrzeiger und verschiebare Stundenziffern. Sie zeigt also die Uhrzeit in beiden Systemen gleichzeitig an. Als Sammlerobjekt ist sie unbezahlbar.

Als App kann ich die „Japanese Traditional Time“ empfehlen. Einen Link kann ich nicht geben, da ich keinen Zugriff zum Google Play Store habe und diesen moralisch auch nicht unterstütze. (Einen japanischen Kalender mit Sekki und Ko suche ich noch …)

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