塔 .. Pagoden

Pagoden sind mehrgeschossige, turmartige Bauwerke deren Geschosse optisch durch Gesimse oder Dachvorsprünge voneinander getrennt sind.

Das Wort Pagode stammt (vermutlich) vom Sanskritwort „Stupa“, dem bautechnischen Vorgänger mit Ursprung in Indien. Sie sind eng mit dem Buddhismus verknüpft und finden sich in vielen ostasiatischen Ländern, fehlen aber in (West)europa vollständig. Die Pagode begann als Grabmahl/-stätte, hat aber im Laufe ihrer Historie weitere Funktionen bekommen: Ort der Verehrung Buddhas, Schatzkammer, Beobachtungsplattform, … In Japan wurde sie zudem zu einem Symbol für Buddha und wird direkt verehrt.

Pagoden in Japan heißen to (塔), was direkt übersetzt Turm oder Steele heißt. To wurde früher ausschließlich im religiösen Kontext benutzt. Weitere, aber selten genutzte Begriffe sind butto (仏塔) und  toba (塔婆). Trotz ihres buddhistischen Ursprung finden sich Pagoden auch in Shintoschreinen. Ursache hierfür ist eine Zeit, in der Shinto und Buddhismus parallel liefen.

Historie

Die Ursprünge der Pagode liegen in der indischen Stupa, ein halbrunder Erdhügel, der als Aufbewahrungsort für die sterblichen Überreste buddhistischer Mönche diente. Während der Qin-Zeit kam die Stupa nach China und adoptierte die Dachdachform von chin. Wohngebäuden dieser Zeit. Die ersten Stockwerkpagoden aus Holz entstanden. Während der Sui- und Tang-Zeit (6. Jh) hatten Pagoden einen quadratischen Grundriss quadratisch. Zu dieser Zeit kam die Pagode nach Japan. Hier trennt sich das japanische Design von der Weiterentwicklung in China.

In China: Zur Zeit der 10 Reiche entstanden 6- und 8-eckige Grundrisse, Wendeltreppen, Treppenhäuser, Außenplattformen. Während der Song-Dynastie stieg die Vielfalt im Design weiter. In der Liao-Dynastie wurden die Pagoden gedrungener mit Dichtdach, 8-eckigem Grundriss und Steinbauweise. All diese Trends haben keinen Einfluss mehr in die japanische Pagode gefunden. Es gibt aber einige, wenige Ausnahmen: Anrakuji in Bessho Onsen mit 8-eckigem Grundriss, Sanzaedo in Aizu-Wakamatsu, begehbar mit einem Doppelhelix-Geschoss und -Dachverlauf

Aufbau

Ein Pagadobesteht aus 4 Elementen: Erdpalast (Drachenpalast), Sockel, Körper und Spitze.

Aus der Stupa entstand der Erdpalast der das Steinfundament (心礎, Shinso) bildet und den Grundriss (in Japan quadratisch) definiert. Der Erdpalast war der Aufbewahrungsort für die Sarira, Buddhastatuen oder andere Objekte. Über dem Erdpalast befindet sich der Sockel, der den Berg Sumeru, das Zentrum der buddhistischen Welt, symbolisiert. In Japan ist der Sockel vergleichsweise flach. Der Körper ist der Hauptteil der Pagode. In Japan ist der Körper immer aus Holz. (In China kamen auch Stampflehm, Holz, Hau- und Ziegelsteine, Majolika, Metall wie Eisen, Kupfer, Gold und Silber, sowie heute auch Stahl und Beton zum Einsatz.)

Geschosse und Teigen: Die einzelnen Geschosse sind aufeinander gestapelt, aber bautechnisch voneinander unabhängig gebaut. Die Anzahl der Geschosse ist wie in China ungerade. Ein Merkmal (Markenzeichen) japanischer Pagoden sind die weit auskragenden Dächer auf jedem Geschoss. Jedes Dach ist dabei etwas kleiner/kürzer als das darunter liegende Dach. Die Enden über alle Geschosse liegen dabei auf einer Linie. Die Differenz wird Teigen (逓減) genannt und ist im Laufe der Zeit immer kleiner geworden.

裳階 .. Mokoshi: Bei Pagoden schließt jedes Geschoss optisch mit einem Dach ab. Es gibt aber auch Pagoden mit (dekorative) Zwischendächern, wodurch die Pagode eine vermeintlich gerade Geschosszahl erhält. Bei einer Daito (siehe unten) überdacht sie den Korridor, der die Haupthalle umgibt. Beispiele: Horyu-ji (Ikaruga), Yakushi-ji (Nara), Moyshin-ji, Todai-ji (Nara)

心柱 .. Shinbashira: Japanische Pagoden besitzen einen zentralen Pfeiler, der mit der Sorin abschließt. Anfänglich war der Shinbashira tief in die Erde eingelassen: Später gründete er auf einem Steinsockel, der zum Steinfundament der Pagode wurde. Heute beginnt der Pfeiler oft im zweiten Geschoss, sodass im Erdgeschoss ein großer Raum geschaffen werden konnte. Der Shinbashira ist außer am Fuß nicht mit der Pagode verbunden und freistehend.

相輪 .. Sorin: Die Spitze (相輪, Sorin) symbolisiert das Himmelreich und ist bei allen Pagodenstilen vorhanden. Da der Zentralpfeiler bis zur Spitze verläuft, ist die Sorin eine direkte Verlängerung des Pfeilers. Es ist eine nicht selten mehrere Meter hohe Metallspitze mit mehreren Elemente. Der Aufbau wiederholt die Segmente der Pagode. Das verwendete Material ist in der Regel Bronze. [wiki EN] Die Elemente einer Sorin von oben nach unten:

  • 宝珠 .. Hoju = das Juwel: rund oder tropfenförmig (im Buddhismus heilige Formen); es soll das Böse vertreiben und Wünsche erfüllen.
  • 竜車 .. Ryusha = das Drachengefährt
  • 水煙 .. Suien = Wasserflamme: vier vertikale, dekorative Bleche
    • 九輪 .. Kurin = 9 Ringe; (machmal auch nur 7 oder 8)
    • 風鐸 .. Futaku = Windglocken; sie hängen an den Kurin
      • 受花 .. Ukebana = die empfangene Blume: Lotus mit 8 Blütenblättern.
      • 伏鉢 .. Fukubachi = die invertierte Schüssel
      • 露盤 .. Roban = Tau-Bassin; Fundament der Sorin / Dachabschluss

Dekorationen sind Schnitzereien (Löwen, Drachen, Lotusblüten, …) und Buddhastatuen. Zudem gibt es Nischen für Buddhastatuen oder Lampen in vielfältigen Formen. Eine Besonderheit in Japan ist, dass in Pagoden viele Figuren und Abbilder von Heiligen angebracht sind. In Pagoden der Shingon-Schule finden sich an der Decke oft Bilder der Gottheit Shingon Hasso (真言八祖).

Die verwendeten Farben sind in der Regel Zinnoberrot oder Holzfarben.  Kleine Glöckchen dienen dem Vergrämen von Vögeln. Zudem hängt oft eine Tafel mit dem Namen der Pagode über dem Eingang und gelegentlich eine weitere mit den Namen der Handwerker oder Geldspender.

Die Position der Pagode auf dem Tempelareal hat sich im Laufe der Jahre geändert: Früher war sie das zentrale Gebäude im Tempelareal (Beispiel: Asuka-dera, 588). Dann teilte sie sich den Zentralplatz mit der Kondo, der Haupthalle (Beispiel: Shitenno-ji, 593 und Horyu-ji, 607). Zuletzt war die Kondo alleine das zentrale Gebäude und die Pagode an die Seite oder auf einen Nebenplatz verdrängt (Beispiel: Yakushi-ji, 680).

Der Bau einer Pagode ist schulenabhängig. Jodo und Zen, die spät nach Japan kamen, bauten fast keine Pagoden mehr. Shingon und Tendai dagegen haben fast immer ein Pagode.

Erdbeben

Japan ist ein Land, das täglich von Erdbeben erschüttert wird. Gerade der Bau hohen Gebäuden muss diesem in seiner Konstruktion Rechnung tragen. Folgende Punkte sind eine direkte Folge dieser erdbebensicheren Bauweise und haben das Design japanischer Pagoden beeinflusst:

  • flacher Sockel und somit ein flacher, stabilisierender Unterbau.
  • Holz: Die Holzkonstruktion kommt völlig ohne Nägel aus. Die Balken sind einander gesteckt und verriegelt.
  • entkoppelte Stockwerke: Die Geschosse der Pagode sind bautechnisch aufeinander gestapelt und haben keine Verbindung zum zentralen Pfeiler. Im Fall eines Erdbeben schwingen sie unabhängig voneinander mit leicht unterschiedlichen Frequenzen.
  • Der Zentralpfeiler: Er ist ein Schwingungstilger. Er ist unten mit der Pagode verbunden und nimmt bei einem Beben Energie auf. Gleichzeitig begrenzt er durch seine Existenz die Schwingungsamplitude der Geschosse. Diese Konstruktion eines zentralen, nur unten mit dem Gebäude verbundenen Zentralpfeiler wurde beispielsweise auch beim Tokyo Sky Tree verwendet!
  • Führung der Dachlast: Die Dachunterkonstruktion von Pagoden wirkt sehr detailverliebt und barock. Aber dies erfüllt einen Zweck. Die einzelnen Elemente sind ineinerander gesteckt, aber nicht miteinander verbolzt oder verklebt. Bei einem Erdbeben bewegen sich die Elemente gegeneinander. Dabei wird Energie durch Reibung abgebaut.

Pagodentypen

木塔 .. Mokuto (Holzpagoden)

Die Holzpagoden können grob unterteilt werden in 2-stöckige Pagoden wie Tahoto, Hoto und Daito, sowie Pagoden mit ungerader Geschosszahl. Bei letzteren sind die Sanjunoto (3 Geschosse) und Gojunoto (5 Geschosse) die häufigsten Vertreter.

  • 2-geschossige Pagoden
    • 宝塔 .. Hoto: Die Holzvariante einer Hoto ist selten. Der Aufbau ist mit der Steinvariante identisch: Sockel, Zylinderkörper, Dach, Spitze. Sie hat kein Mokoshi. Beispiel: Ikegami Honmon-ji in Nishi-Magome, Tokyo-to mit 17,4m hoch und 5,70m weit.
    • 多宝塔 .. Tahoto: Sie ist 3×3 ken im Grundriss, bestehend aus runder Haupthalle (Moya) und einem Korridor mit eckigem Grundriss und hat die Funktion einer Kapelle. Der Korridor schließt mit einem Mokoshi (Zwischendach) ab. Die höhere Haupthalle hat ihr eigenes Dach und oft eine dekorative Gallerie. Die Tahoto existiert nur in Japan und entstand in der Heian-Zeit als Teil der Shingon-Schule. Beispiele: Kita-in (Kyoto), Kongobu-ji (Koyasan), Tsurugaoka Hachimangu (Kamakura), Gokoku-ji (Tokyo) [wiki DE]
    • 塔 .. Daito: Die Daito ist eine 5×5 ken große Version der Tahoto. Der Korridor ist wieder 1 ken breit. Es existieren nur noch drei Daito im Original: Negoroji (Wakayama-ken, 30,85m), Kongobuji (Koyasan), Kirihatadera (Tokushima-ken).
  • 多層塔 .. Tasoto: Sie hat eine ungerade Geschosszahl, meistens drei (三重塔, Sanjuu-no-to) oder fünf (五重塔, gojuu-no-to). Es gibt sie aber bis 13 Geschosse (Pagode im Tanzan-Schrein in Sakurai, Naraken) Es gibt die Tasoto mit Mokoshi, sodass es aussieht, als sei die Geschosszahl gerade. Beispiel: Yakuzshi-ji (Nara-ken), Hokki-ji (Naraken, die älteste Sanjuunoto von 706), Horyu-ji (Ikaruga, die älteste Gojuunoto von 710). To-ji (Kyoto, die höchste Tasoto mit 54m).
    • 三重塔 .. Sanjuu-no-to; 3-geschossig
    • 五重塔 .. Gonjuu-no-to; 5-geschossig
    •  Sonderformen: Beispiel: Tanzan Shrine, Asuka; 13 Geschossen.
  • 卒塔婆 .. Sotoba: Holzstehlen auf Friedhöfgen, die in 5 Abschnitte geteilt sind, welche sich aus der buddhistischen 5-Elemente-Lehre ableiten (siehe Gorinto). Die Aufschrift beinhaltet Sutren und den Totennamen des Verstorbenen.
石塔 .. Sekito (Steinpagoden)

Die Steinpagoden (Apatit oder Granit) sind im Vergleich klein und wirken (böse formuliert) in den meisten Fällen wie Gartendekoration. Sie sind etwa 3m hoch und kommen in verschiedenen Ausprägung vor:

  • 多層塔 .. Tasoto / 多重塔 .. Tajuto: Ungerade Geschosszahl (3 bis 13); Höhe normalerweise unter 3m; Rekord hält die Pagode im Hannya-ni, Naraken mit 13 Geschossen und 14,12m. Die Tasoto hat keinen nutzbaren Raum, maximal einen Platz für ein heiliges Bild. Die Pagode verjüngt sich nach oben.
  • 宝塔 .. Hoto: Sie besteht aus 4 Teilen: flacher Sockel; ein oben abgerundeter Zylinder als Hauptkörper; Dach mit vier Kanten; Dachspitze. Es gibt kein Mokoshi um den Hauptkörper. Der Name leitet sich von der buddhistischen Gottheit Taho Nyorai ab und hat ihren Ursprung in den Schulen Shingon, Tendai und Nichiren.
  • 五輪塔 .. Gorinto: Eine japanische Erscheinungsform der Pagode aus der Heian-Zeit. Sie diente im Shingon- und Tendai-Buddhismus als Grabstätte/-stein. Andere Namen sind Gorinsotoba (五輪卒塔婆) und Goringedatsu (五輪卒塔婆). Das Go (五) bezieht sich auf die 5 Elemete Erde (Würfel), Wasser (Kugel), Feuer (Pyramide), Luft (Sichel/Schale) und Leere/Energie (Lotusblüte). Die Gorinto ist die steinerne Version der Sotoba.
  • 宝篋印塔 .. Hokyointo: Es ist eine große Steinpagode, die früher mit der Hokyoin dharani Sutra beschriftet wurde und ein Ehrenmahl für den Kaiser Wuyue-Qian Liu war. Die Erscheinung wirkt indisch. Die ersten Hokyointo aus Holz werden in der Asuka-Zeit vermutet. Steinhokyointo begannen in der Kamakura-Zeit. Sie fungiete als Grabmahl/-stein. Wie bei den Gorinto gibt es 5 Elemente.  Beten vor der Hokyointo soll Sünden vergeben und vor Unglück schützen. Die Spitze zeigt den gleichen Aufbau wie die Sorin der Holzpagoden.
  • 無縫塔 .. Muhoto / 卵塔 .. Ranto: Die Übersetzung ist „stichloser Turm“ bzw. „Eierturm“. Sie diente ursprünglich als Grabstein für buddhistische Priester in der Zen-Schule und wurde von anderen Schulen übernommen. Die Form stellt ein Phallussymbol dar.
  • 笠塔婆 .. Kasatobo: Die Regenschirm-Stupa hat einen quadratischen Grundriss mit einem pyramidenförmigen Dach. Über dem Dach sind zwei Steine, die die oberste Elemente der Stupa sind: Schale und Lotusblüte. Einige Kasatoba haben ein drehbares Element, welches beim Beten gedreht wird.
  • 相輪橖 .. Sorinto: eine kleine Pagode; meist nur eine Stehle mit einer Sorin.
bekannte japanische Pagoden
  • Horyu-ji (Ikaruga, Nara-ken): Der Horyu-ji hat die ältesten erhaltenen Holzgebäude der Welt. Die Pagode aus der Asukazei ist 32,45m hoch und die älteste 5-stöckige Pagode Japans. Der Baum für die zentrale Säule wurde 594 gefällt.
  • Hokki-ji (Ikaruga, Nara-ken): die älteste 3-stöckige Pagode (Sanjuunoto) Japans von 706 und vermutlich die älteste Holzpagode.
  • Yakushi-ji (Nara): 3 Stockwerke mit Mokoshi. Diese Bauart ist sehr selten. 33,6m hoch. Die Spitze ist 10m hoch und wiegt 3 to.
  • Kofuku-ji (Nara): 5-stöckig, mit über 50m die zweithöchste Pagode Japans.
  • Daigon-ji (Kyoto): 5-stöckig; das älteste erhaltene Bauwerk in Kyoto (aus dem 16. Jahrhundert)
  • To-ji (Kyoto): die höchste Tasoto mit 54m

Die NHK-Serien „Begin Japanology“ hat eine eigene Folge (siehe Sidebar) zu Pagoden. Viele Pagoden aus diesem Video habe ich schon besichtigt: Hyoruji (2004 und 2014), Hasedera (2012), To-ji (2014).

[Pagode: wiki DE, wiki EN] [To: wiki DE, wiki EN] [Mokoshi: wiki EN][Sotoba: wiki EN][Hokyointo: wikiDE]