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湯島天満宮 .. Yushima Tenmangu

Der Yushima Tenmangu ist ein Schrein, der unweit vom Hotel Edoya liegt. Für mich hat er eine besondere Bedeutung. Und dennoch: erst jetzt in 2021 komme ich dazu, ein paar Zeilen zu diesem Schrein zu schreiben … auf meiner Webseite. Den ersten Artikel zum Yushima Tenmangu im deutschen Wikipedia habe ich schon vor Jahren erstellt.

Die Historie

Der 湯島天満宮 (Yushima Tenmangu), der auch unter dem Namen 湯島天神 (Yushima Tenjin) und evtl. als 湯島神社 (Yushima Jinja) bekannt ist, liegt im Bezirk Bunkyo-ku in Tokyo; genauer gesagt im Stadtteil Yushima.

Der Legende nach wurde der Schrein im Jahr 458 zu Ehren der Gottheit Ame-no-tajikarao-no-mikoto gegründet. Seit de Jahr 1355 wird hier auch der Kami (Gottheit) Sugawara no Michizane verehrt.

1478 wurde die inzwischen verfallene Anlage von dem Feldherrn und Gründer Edos (heutiges Tokyo), Ōta Dōkan (1432–1486), erneuert. Auch die Tokugawa kümmerten sich um den Schrein.

Das 6,81 m hohe Omote-Torii aus Kupfer stammt aus der Zeit 1667/1669. In die Balken eingraviert sind die Namen der Spender, die den Bau des Torii ermöglicht haben. Auf dem Schreingelände gibt es noch ein weiteres, aus Metall gegossenes Torii.

Links vor der Haupthalle befindet sich ein Stein, der 寄縁氷人石 (Stein des verlaufenen Kindes) von 1850. Dieser Stein hat einen interessanten Hintergrund: Im 19. Jahrhundert kam es wohl immer wieder vor, dass Kinder verloren gingen (fragt mich nicht warum). An der Stelle wo heute der Stein steht, konnte man früher Notizen hinterlegen. Das funktionierte in beide Richtungen.Entweder man beschrieb das vermisste Kind, oder das Kind, das man aufgefunden  hat. Ist also nicht so viel anders als heute die Facebook-Hinweise „Katze weggelaufen“ oder „Hund zugelaufen“.

1995 wurden alle hölzernen Schreingebäude erneuert. Dabei wurde großer Wert darauf gelegt, die Regeln der traditionellen Schreinarchitektur einzuhalten.

Der Yushima Tenmangu heute

Sugawara war ein Gelehrter der Heian-Zeit. Nach seinem Tod wurde er als Kami verehrt. Kami sind shintoistische Gottheiten. Das Konzept des Göttlichen weicht von der christlichen Definition ab. Die beste Analogie wäre: Heiliger.

Der Yushima Tenmangu gilt daher als Gelehrtenschrein, was ihm die Bezeichnung Tenjin bescherte.  Die renommierte Tokyo Universität (ToDai) ist nur ein paar Fußminuten entfernt. Somit wird der Schrein regelmäßig zur Anlaufstelle für Studenten und Schüler, die hier um göttlichen Beistand für Examen und Aufnahmeprüfungen bitten. Zu dieser Zeit (April) hängen tausende Ema links und rechts neben dem Honten, dem Hauptgebäude.

Das Familienwappen von Sugawara zeigte die Pflaumenblüte (Ume; ihr kennt sie vermutlich vom Getränke Ume-shu). Es war daher Brauch, Ume-Bäume auf dem Gelände von Tenjin zu pflanzen. Die Ume-Blüte ist Anfang März, etwa einen Monat vor der Kirschblüte. Sie ist daher ein wichtiges Datum. Sie kündigt das Ende des Winter und den baldigen Beginn des Frühlings und der Kirschblüte an.

Der Yushima Tenmangu ist weit über Tokyo’s Stadtgrenzen hinaus für seine Pflaumenblüte bekannt, die ich noch nie selbst gesehen habe.

Was bedeutet der Schrein für mich

Was macht jetzt aber den Yushima Tenmangu für mich so besonders?

Bei meiner ersten Reise 2004 habe ich in Matsumoto ein Kamidana gekauft. So ein Kamidana wird für gewöhnlich beim lokalen Schrein, also dem Schrein, in dessen Gegend man wohnt, registriert. Da ich als Deutscher keinen solchen Schrein habe, habe ich mich entschieden, den Schrein nahe an meinem ersten Hotel, das ich in Japan besucht habe, auszuwählen.

Tokyo, Bunkyo-ku, Yushima Tenmangu
Der Schrein ist am Ende der Straße links; rechts sieht man Hotel Edoya — Dies ist die Warteschlange zu Neujahr. Sie ging runter und dann links weiter bis kurz vor den Eingang von Yushima Station.

Der Schrein wurde mir auch vom Hotelpersonal empfohlen. Die Tatsache, dass es ein Tenjin, ein Gelehrtenschrein, ist war eine nette Ergänzung. Und somit ist mein Kamidana nun beim Yushima Tenmangu registriert, was mich im Prinzip zum Gemeindemitglied macht … irgendwie.

Seit 2006, wenn ich in Tokyo ankomme, nehme ich für den Weg vom Banhhof zum Hotel immer den Weg über den Yushima Tenmangu. Er ist das erste, was ich in Tokyo aufsuche, noch bevor ich in das Hotel einchecke. Ein netter Nebeneffekt ist, dass es mit dem Koffer einfacher ist, die 20 Stufen zum Schrein hoch zu laufen, als diese nervige Steigung von der Eneos-Tankstelle hoch zum Hotel.

Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, waren die Gebäude gerade einmal 9 Jahre alt und hatten diese schöne, vergleichsweise helle Holzfarbe, die ich bei keinem anderen Schrein gesehen habe. Jetzt, 17 Jahre später, ist das Holz schon merklich dunkler geworden.

Es klingt, jetzt wo ich es niederschreibe, nicht wirklich bedeutsam. Dennoch, der Yushima Tenmangu ist zu einer festen Größe meiner Japanreisen geworden. Erst wenn ich dort die Götter begrüßt habe, bin ich in Tokyo angekommen.

Das Bild mit den roten Laternen ist der Togakushi Jinja. Dies ist ein eigenständiger Schrein auf dem Gelände des Yushima Tenmangu.

Ukiyo-e

Der Yushima Tenmangu ist eine der 100 Ansichten von Edo von Utagawa Hiroshige, der auch die 53 Ansichten des Tokaido schuf. Von den 100 Ansichten gibt es mehrere Versionen und es gab weitere Künstler, die den Yushima Tenmangu in Szene setzten.

Der Schrein liegt auf einer Anhöhe. Heute ist die Sicht auf den Ueno-Park und den Shinobazu-Teich durch Wohnhäuser versperrt. Damals muss dies ein einmalig schöner Anblick gewesen sein. In der Mitte sieht man die Insel Bentinjima, auf welcher der Tempel Bentendo liegt. Auf dem rechten Druck schaut man von unten auf die Treppe hinauf zu Schrein. Es ist diese Treppe, die ich nehme, wenn ich nach meiner Ankuft in Tokyo den Schrein besuche.

Man beachte, dass das Torii in den Bilder nicht immer in die Gleiche Richtung orientiert ist. Das Mon steht auch noch nicht. Ich frage mich gerade, wann das gebaut wurde. Das Torii steht heute vermutlich auf der anderen Seite des Schreins.

 

(erstellt 07.03.2021)

Only in Japan (John Daub) .. Yushima Tenjin

Und wieder einmal ein paar Worte zu „Only In Japan“ von und mit John Daub …

Von ein paar Tagen hat er den Yushima Tenjin besucht. Er ist gleich um die Ecke vom Hotel Edoya. Ihr findet eigentlich ein Foto von ihm in der Japanreise. Yushima Tenjin ist der Schrein, bei dem mein Kamidana registriert ist und den ich seit 2006 immer als allererstes besuche, wenn ich in Tokyo ankomme, noch bevor ich im Hotel einchecke.

Für mich ist dieses Video auch ein Novum, den ich habe die Pflaumenblüte, für die der Yushima Tenjin bekannt ist, noch nie live gesehen.

Der Rest ist für mich so bekannt, dass es so ist, als würde ich ein Video aus Lübeck sehen. Ich weiß, was sich links und rechts der Kamera, außerhalb des Bildes befindet. Mein Gehirn ergänzt die Bilder automatisch in ein riesiges Panorama.

Der Legende nach wurde Yushima Tenmangu im Jahr 458 gegründet und der Kami Ame-no-tajikarao-no-mikoto eingeschreint. Seit 1355 wird auch Sugawara no Michizane, ein großer gelehrter der Heian-Zeit, hier als Kami verehrt. Er gilt daher als Schrein der Lehrenden und Lernenden. ToDai ist gleich um die Ecke. Der Schrein ist daher eine Anlaufstelle für alle, die für die Aufnahmeprüfungen an dieser renommierten Universität beten wollen.

Ich kenne den Schrein unter drei verschiedenen Namen. Ich selbst verwende „Yushima Tenmangu“. John nennt ihn „Yushima Tenjin“. Das Tenjin ist ein verweis auf seine Rolle als Gelehrtenschrein. Die dritte Bezeichnung ist „Yushima Jinja“.

1478 wurde die inzwischen verfallene Anlage von dem Feldherrn und Gründer Edos, Ōta Dōkan (1432–1486), erneuert. 1995 wurden alle hölzernen Schreingebäude erneuert. Dabei wurde großer Wert darauf gelegt, die Regeln der traditionellen Schreinarchitektur einzuhalten.

Im Familienwappen von Sugawara war die Pflaumenblüte abgebildet. Daher werden an Tenjin bevrozugt Ume-Bäume gepflanzt; so auch am Yushima Tenmangu, der für seine Pflaumenblüte weit über Tokyo hinaus bekannt ist.

Und wenn ich das sehe, muss ich wirklich mal zur Pflaumenblüte nach Japan. Allerdings zeigt das Foto auch, dass so früh um Jahr das Grün der Blätter fehlt.

14:42 — Ah, Amazaka (甘酒). Lecker. 300 yen ist nicht ganz billig. Amazake wird aus fermentiertem Reis hergestellt, ist aber meist (aber nicht immer) ohne Alkohol. Wie bei der Sake-Herstellung wird Koji benutzt, um die Stärke des Reis in Zucker aufzubrechen. Vom Fertigungsprozess ähnelt er folglich dem Federweißer.

Das Ama () steht für süß. Gewöhnungsbedürftig ist der Umstand, dass sich noch Reisstücke im Getränk befinden. Amazake wird heiß serviert und ist ein Getränk für den Winter. Speziell zu Neujahr findet man es überall.

19:50 — Zu den Ema habe ich vor kurzem einen Artikel geschrieben, in dem sich natürlich auch Fotos aus dem Yushima Tenjin befinden. Hier ist der [Link]. Ich hätte aber nicht gedacht, dass die Ema schon Anfang März so zahlreich im Schrein hängen; einen Monat bevor das neue Semester beginnt.

23:30 — Nice Shot.

25:57 — Die Station die er meint, Yushima Station, ist C-13 der Chiyoda-Line. Die U-Bahn-Linie ist weniger auf der Liste der Touristen, da sie mit Ausnahme von Otemachi (Kaiserpalast) an keiner wichtigen Sehenswürdigkeit stoppt.

28:30 — Omikuji. Auch dazu habe ich kürzlich einen Artikel erstellt. Hier ist der [Link].

 

Absperrungen

Über die Designs von Kanaldeckeln hatte ich ja schon geschrieben [Link], aber es gibt so viel mehr Dinge für eine Fotosafarie, für eine Schnitzeljagd, die Jahre dauern kann: Baustellenabsperrungen.

Einfach Baustellenabsperrungen in Japan sind kleine orange Hütchen (nachts auch beleuchtet), die mit kleinen Stangen verbunden sind. Bei meinen ersten Reisen (2004) waren sie ein ständiger Begleiter, da es in Ueno, zwischen Bahnhof und meinem Hotel, eine Großbaustelle gab.

Irgendwann so ab 2010 (zumindest sind sie mir dann zuerst aufgefallen) erschienen dann Absperrungen im Straßenbild, die weitaus stabiler waren und mit Stangen verbunden waren. Das alleine wäre jetzt keinen Blogeintrag wert. Das Fanbase für so etwas ist sehr klein. Wäre da nicht die Aufnahme für die Absperrstangen.

Mein erster Fund war ein Affe. Über die Jahre fand ich immer mehr Tiere und ich habe das Gefühl, dass es nur die Spitze von einem großen Eisberg ist.

Wie bei den Kanaldeckeln scheint es auch hier regionale Tiere zu geben. Natürlich hat Kumamoto seine eigenen Absperrungen mit Kumamon. In 2018 habe ich im Uenopark Pandas mit Bauhelm gefunden. Ich vermute, die gibt es nur hier. Der Park ist für seinen Zoo bekannt und der Zoo für seine Pandas. Hirosaki hatte auch seine eigene Absperrung. Die fällt aber ein wenig aus dem Schema.

[erstellt 01.03.2021]

懐石 .. Kaiseki

Dieser Artikel behandelt 茶懐石 (cha-kaiseki), das bei der Teezeremonie gereicht wird. Für das Kaseki, dass man in teuren Restaurants und Ryokans bekommt, gibt es einen anderen Artikel [hier der Link]. Beachtet, da dieses Kaiseki mit den Kanji 会席 geschrieben wird.

茶懐石 (cha-kaiseki) wird vor Beginn der Teezeremonie serviert. (cha) ist das Kanji für grünen Tee. (kai) ist eine Art Brusttasche, wie sie vor allem buddhistische Mönche benutzen, und die eher auf Bauchhöhe getragen wird. (seki oder auch ishi gelesen) ist der Stein.

Der Ursprung ist das Wort 温石 (Onjaku; ja, hier wird jaku gelesen). Dies ist ein heißer Stein, den man sich in die Kleidung steckt, um sich zu wärmen. Mönche haben ihn ihrer Brusttaschen (懐,kai) getragen, um das Hungergefühl während langer Meditationen zu unterdrücken. Cha-kaiseki ist also der heiße Stein, der das Hungergefühl während der Teezeremonie besänftigen soll.

Die Verwendung dieser Kanji für das Menü, das vor der Teezeremonie gereicht wird, geht auf den Teemeister Sen-no-Riykuu  (1522–1591) zurück.

Serviert wird in der Regel ichi-juu san-sai. Ich habe das mal mit Bindestrichen geschrieben, mit dem die Übersetzung einfacher wird: „eine Suppe, drei Beilagen“. Dazu gibt es Reis.

  • ichi-juu: Dies ist eine klare Suppe (suimono) oder Miso-Suppe
  • san-sai: Die klassischen drei Beilagen sind Mukouzuke, Nimono (煮物, Gekochtes) und Yakimono (Gegrilltes).

Neben dem ichijuu sansai werden Hassun, Yutou und Kounomono gereicht.

Die Bestandteile im Einzelnen

Mukouzuke heißt übersetzt „auf der entfernten Seite platziert“. Es ist die Beilage, die auf dem Tablett am auf weitesten vom Gast entfernt ist. Häufig ist dies Sashimi.

Yakimono ist Grilltes. Yaki  steht für Gegrilltes und wird in der Regel auf einem Teller für alle Teilnehmer serviert, während die anderen Beilagen für den jeden Teilnehmer separat kommen.

Ihr kennt das Kanji sicherlich von Yakitori, Takoyaki und Okonomiyaki. Mono ist ein Kanji das für Sache oder Ding. Mit ihm kann man z.B. Verben substantivieren: taberu = essen, tabemono = das Essen; nomu = trinken, nomiono = das Getränk; kau = kaufen, kaimono = der Einkauf.

Suimono ist eine klare Suppe, die in einer kleinen Schüssel mit Deckel serviert wird. Sie ist der Starter und soll den Gaumen auf das Essen vobereiten, bevor der Sake getrunken wird. Andere Worte sind Kozuimono (kleine, klare Suppe) oder Hashiarai (Essstäbchenreiniger).

Hassun sind kleine Leckerbissen aus den Bergen oder dem Meer. Dieses servieren sich die Gäste untereinander. Es begleitet den Ausschank des Sake durch den Gastgeber. Das Hassun folgt damit dem Suimono in der Reihenfolge der Gänge.

Yutou (湯桶) ist heißes Wasser mit ein wenig braunem Reis (ganz leichtes Aroma). Dieses schenkt man sich selbst ein.

湯 ist das Kanji für heißen Wasser. Es finder sich z.B. im Yushima Tenmngu (湯島天満宮), meinem Hausschrein. 島(shima) ist die Insel. (湯島) yushima ist also die Heißwasserinsel. (天満宮) Tenmangu ist eine Klassifikation von Schreinen.

Kounomono ist Eingelegtes. Diese Beilage gehört zum Yutou.

Es ist gut möglich, dass es weitere Beilagen gibt, die Shiizakana genannt werden. Diese begleiten dann einer weitere Runde Sake. Ein anderer Name ist Azukebashi (Schale, die in der Obhut eines anderen ist). Der Name leitet sich davon ab, dass die Schale mit dem Shiizakana vom Gastgeber beim ersten Gast abgestellt wird. Sie wird dann von Gast zu Gast weitergereicht.

Chakaiseki ist ist also wie auch die anderen Kaisekiformen ein vollständiges und im Prinzip mehrgängiges Menü. Es nimmt seine Sonderform ein, weil es in der Regel ausschließlich mit der Teezeremonie serviert wird.

Bevor ich mich in das Thema eingelesen hatte, hätte ich steif und fest behauptet, dass es nur ein kleiner Appetizer ist. In der Teezeremonie ist Alles im Geiste des Zen auf das wesentliche reduziert. Da lag es nahe, dass das Kaiseki auf einen Reiscracker reduziert wird. — Ich habe mich getäuscht.

会席 .. Kaiseki

Kaiseki ist ein traditionelles, japanisches Abendessen mit mehreren Gängen. Es ist auf dem Level der westlichen Haute Cuisine zu sehen und entsprechend bepreist. Auf dem Teller sind die einzelnen Gerichte kleine Kunstwerke, die alle einem Satz von Regeln folgen.

Schreibweise

Es gibt zwei Schreibweisen, mit unterschiedlichem Urpsrung, die zwei verschiedene Arten von Kaiseki beschreiben: 懐石 und 会席.

Der Ursprung von 懐石 ist das Wort 温石 (Onjaku). Dies ist ein heißer Stein, den man sich in die Kleidung steckt, um sich zu wärmen. Mönche haben ihn ihrer Brusttaschen (懐, kai) getragen, um das Hungergefühl während langer Meditationen zu unterdrücken. Das Kanji 石 für Stein kann wie oben jaku gelesen werden, aber auch ishi oder seki. 懐石 (kai-seki) meint also Brusttaschenstein.

Diese Schreibweise wird für Kaiseki benutzt, das vor einer Teezeremonie gereicht wird. Es soll wie der Stein, das Hungergefühl unterdrücken, damit man die Teezeremonie genießen kann.

会席 wird ebenfalls Kaiseki gelesen. 会 ist ein Treffen oder Zusammenkunft, 席 kann als Sitzplatz übersetzt werden. Kaiseki ist salopp eine Zusammenkunft mit Sitzgelegenheit, ein Banquet.

Kaiseki-Stile

Kaiseki ist, wie erwähnt, ein mergängiges Gericht bei dem alle Gänge gleichzeitig auf einem großen Tablett serviert werden. Die Gänge sind vergleichbar mit den Gängen in der westlichen Haute Cuisine. Es gibt einen Starter, mehrere Haupt- und Zwischengänge und ein Dessert. Über die Jahrhunderte haben sich verschiedene Stile entwickelt. Die wichtigsten sind:

  • 有職料理 (yuusoku ryouri) entstand am kaiserlichen Hof während der Heain-Zeit (9. Jarhrhundert)
  • 精進料理 (shoujin ryouri) ist eine buddhistische (vegetarische) Version, die den Tempel der Kamakura-Zeit (12. Jahrhundert) entwickelt wurde.
  • 本膳料理 (honzen ryouri) ist die Samurai-Version, die in der Muromachi-Zeit (14. Jahrhundert) entstand.
  • 茶懐石 (cha-kaiseki), das ich oben schon erwähnte, entstand in der Higashiyama-Periode (15. Jahrhundert), einem Zeitabschnitt innerhalb der Muromachi-Zeit.

Daneben entwickelten sich noch unzählige weitere Varianten. Und jede Stilrichtung hat ihre einen Regeln und Philosophien in der Zubereitung, Kombination und Darbietung der Speisen. Heutzutage bedient sich Kaiseki dieser Stilrichtungen und kombiniert sie zum Teil.

Asunaro Ryokan, Takayama (übernachtet in 2008)
Asunaro Ryokan, Takayama (übernachtet in 2008)
Prinzipien von Kaiseki

Kaiseki ist mehr als nur Essen. Es geht immer auch um Kombination von Zutaten, Aromen, Gerüchen, Texturen und Farben, sowie das Arrangement der Zutaten zu einem … ja ich sage es … Gesamtkunstwerk für alle Sinne. Folgende Grundregeln werden dabei immer beachtet:

  • saisonale Zutaten
  • lokale/regionale Zutaten
  • frische Zutaten
  • ausgewogene Kombination der 5 Farben Schwarz, Weiß, Gelb, Grün und Rot
  • Verwendung von passendem Geschirr
  • gelegentlich werden auch Wünsche oder Vorlieben des Gastes mit eingebaut.

Bei Kaiseki werden nur frische Zutaten entsprechend der jeweiligen Jahreszeit benutzt. Sie werden so zubereitet, dass ihr Eigengeschmack betont wird. Die Zutaten werden teilweise getrennt zubereitet, damit sich die Arome nicht überlagern.

Neben der Jahreszeit wird auch die Lokalität, die Region gewürdigt. Wenn ich im Sommer in Akita bin, möchte ich etwas essen, dass die Natur im Sommer in Akita bietet. Wir kennen bei uns die Spargelzeit oder die Zeit für Pflaumenkuchen, Federweißer oder Grünkohl. Der Japaner legt hier nochmal ’ne Schippe drauf.

Dass die Zutaten Topqualität haben, muss man eigentlich nicht erwähnen. Das versteht sich von selbst.

Die Gerichte werden geradezu künstlerisch angeordnet und garniert, oft mit echten Blättern und Blüten. Essbare Garnituren werden oft so gestaltet, dass sie Pflanzen oder Tieren ähneln.

Das Geschirr ist ein weiterer wichtiger Teil. Form, Farbe und Struktur (glasiert oder rauh) sind passend zum Gericht gewählt, was auch dem Geschirr präsentiert wird. Alles hat einen Grund und folgt einen Zweck. Ich muss nicht erwähnen, dass auch das Geschirr die Jahreszeit und die Region berücksichtigt. Zudem ist es oft sehr altes Geschirr, dass für Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte und Nutzung ist. Tradition ist natürlich auch ein Teil von Kaiseki.

Ich behaupte mal, dass die ästhetische Erfahrung, das Essen zu betrachten, der wichtigste Teil von Kaiseki ist. Das Bedürfnis vor dem ersten Bissen ein Foto zu machen, kann ich nachvollziehen. Jedes Tablett ist ein kleines Kunstwerk.

Setup und Reihenfolge

Ursprünglich bestand ein Kaiseki-Menü aus Misosuppe, Reis und drei Beilagen. Das ist heute das Standardsetup für die normale japanische Küche und trägt den Namen セット (setto). Heutzutage ist Kaiseki viel umfangreicher und komplexer und umfasst klassisch 5 Gänge: Vorspeise, eine gegrillte Komponente, eine gekochte oder gedämpfte Komponente, Reise und Misosuppe (als Sättigungskomponente) und ein Dessert.

Über weitere Gänge entscheidet der Koch. Wie schon erwähnt werden alle Gänge zeitgleich auf einem Tablett serviert. Es ist daher wichtig, die Reihenfolge zu kennen. Es wird einem nicht der Kopf abgerissen, wenn man durcheinander isst. Allerdings bauen die Gänge kulinarisch aufeinander auf. Dies wird natürlich ramponiert, wenn man mit dem Dessert startet.

Bevor wir starten: ihr findet oft das Kanji 物 (mono). Es bedeutet Ding oder Sache. Es kann benutzt werden, um Verben zu substantivieren. taberu (essen) –> tabemono (das Essen), kau (einkaufen) –> kaimono (der Einkauf). Das Kanji 焼 (yaki) kennt ihr von Yakitori, Takoyaki oder Okonomiyaki. Es bezeichnet gegrilltes. 焼物 (yakimache) ist also eine gegrille Sache (Gegrilltes). 肴 (sakana) bezeichnet Vorspeisen oder Snacks, die zum Sake (oder Bier) gereicht werden.

Bentenkaku Ryoian in Naruko (übernachtet 2004 uns 2014)
Bentenkaku Ryoian in Naruko (übernachtet 2004 uns 2014)
  • 先附 .. sakizuke: eine Vorspeise vergleichbar dem Amuse-bouche. Dazu wird in der Regel 日本酒 (Nihonshu, a.k.a Sake) oder 梅酒(Umeshu) als Aperitif gereicht.
  • 椀物 / 御椀 .. Wanmono / Owan: Eine leichte Suppe, um den Gaumen zu reinigen; ich sage immer „Reset der Zunge“.
  • 八寸 .. hassun: Der zweite oder dritte Gang. Er trägt die Jahreszeit. Es ist oft ein Sushi oder ein Set von saisonalen Beilagen. Die Dekoration stimmt auf das Thema des gesamten Menü ein.
  • 煮合 .. takiawase: Die gekochte Komponente und besteht aus Gemüse mit Fleisch, Fisch oder Tofu als Proteinquelle. Die Zutaten werden dabei getrennt gesimmert, damit sich die Arome nicht vermischen und auch Farbe und Textur erhalten bleiben. Weitere mögliche Begriffe sind Shiizaka (強肴) oder Nimono (強肴).
  • 向付 .. mukouzuke: ein geschnittenes Gericht; in der Regel ist es saisonales Sashimi. Serviert werden 2 bis 5 Häppchen.
  • 物 .. futamono: Ein „Gericht mit Deckel“. Meist ist eine klare Suppe, die in einer kleinen Schüssel mit Deckel serviert wird.
  • 焼物 .. yakimono: Die gegrillte Komponente. Dies ist in der Regel gegrillter Fisch. Eine andere Bezeichnung ist Hachizakana (鉢肴)
  • 御食事 .. Oshokuji: der letzte Gang vor dem Desert. Er soll sicherstellen, dass alle satt werden. Zu diesem Zeitpunkt wird auch kein Alkohol mehr ausgeschenkt (ein weiteres Anzeichen, dass bald Schluss ist).  Ich habe es ohne es zu wissen, richtig gemacht. Meine Motivation war immer, mich an den Kostbarkeiten satt zu essen und nicht den Magen mit dem Reis zu blockieren. Der Gang besteht aus:
    • 御飯 .. gohan: gekochter Reis, oft ergänzt mit saisonalen Zutaten (diese dann in einer separaten Schüssel serviert).
    • 止椀 .. tome-wan: Eine Gemüsesuppe auf Miso-Basis. Sie gehört zum Reis.
    • 香の物 .. kounomono: Saisonales, eingelegtes Gemüse.
  • 水物 .. Mizumono: Das Desert, meist saisonale Früchte. Heutzutage können es aber auch Eiscreme oder ein Stück Kuchen sein. Dazu wird traditionell ほうじ茶 (Hojicha), gerösteter grüner Tee serviert. Ein alkoholisches Digestif existiert in Japan nicht. Aber Restaurants sind nicht von gestern und können auf Anfrage sicherlich einen Portwein oder Whisky anbieten.
Hotel Sansui, Tsunagi Onsen (übernachtet in 2008)
Hotel Sansui, Tsunagi Onsen (übernachtet in 2008)

Weitere (optionale) Komponenten sind:

  • 酢肴 .. Suzakana: Ein Zwischengang, um den Geschmack zu neutralisieren. Das englisch Wort ist palete-cleanser. Meist ist es in Reisessig eingelegtes Gemüse. Beim Sushimenü ist dies der eingelegte Ingwer. Ein alternativer Begriff, den ich gefunden habe, ist Sunomono (酢物) und verweist auf die Verwendung von Essig.
  • 冷し鉢 .. hiyashi-bachi: Es wird nur im Sommer serviert und und ist gekühltes, leicht gekochtes oder gedünstetes Gemüse.
  • 中猪口 .. Naka-choko: Dies ist neben dem Suzakana ein weiterer Geschmacksneutralisierer in der Mitte des Menüs.
  • 強肴 .. shiizakana: Ein herzhafte Komponente, in der Regel Hot Pot.
Wo bekommt man Kaiseki?
  • Entweder ihr besucht ein (teures) Restaurant,
  • oder ihr übernachtet in einem besseren Ryokan.

Ryokans sind sicherlich die einfachere Variante. Ein Restaurant zu finden und dann einen Tisch (geht meist nur auf Japanisch) zu reservieren, ist echt kniffelig. Ryokan, die Kaiseki anbieten, weisen meist schon auf der Internetstartseite darauf hin.

Kaiseki im Ogiwarakan (übernachtet in 2018)
Kaiseki im Ogiwarakan (übernachtet in 2018)

In den Ryokans mit Kaiseki gibt es dann wieder zwei Optionen: Bei den einen ist das Abendessen fest mit im Übernachtungspreis, der dann locker die 150€/Nacht übersteigt (Einzelperson). Und es gibt Ryokans, bei denen man Kaiseki optional buchen kann. Der Preise pro Übernachtung mit und ohne Kaiseki unterscheidet sich schnell um 50€ oder mehr pro Nacht.

Ich würde die zweite Variante empfehlen und dann bei mehreren Übernachtungen mindestens ein Mal Kaiseki ordern. Sicherlich sind 50€ (oder mehr) viel. Aber für ein mehrgängiges Abendessen mit frischen, saisonalen, regionalen Zutaten ist auch ein Schnäppchen.

Jeden Abend Kaiseki würde ich auch nicht wählen. Denn so entgeht einem die Chance, abends ein Restaurant oder Izakaya aufzusuchen. Immer nur im Hotel zu Abend essen ruiniert das Nachtleben und ist einer der Gründe, warum die Onsenorte verfallen.

Letzter Hinweis: Seid pünktlich. Frisch und frisch zubereitet ist ein wesentlicher Faktor bei Kaiseki. Ryokans mit Kaiseki haben daher einen strikten Zeitplan für das Abendessen.

Hanaya, Tsumago, Abendessen (übernachtet in 2012)
Hanaya, Tsumago, Abendessen (übernachtet in 2012)

Restaurants, die Kaiseki anbieten, sind meistens sehr klein und werden 料亭 (ryotei) genannt. Natürlich findet man viele Ryotei in Kyoto, die Stadt in der Kaiseki entstand. Kyoto war nicht nur Standort des kaiserlichen Hofes für fast 1000 Jahre, sondern auch das Epizentrum der Teekultur. Es gibt sogar eine lokale Version von Kaiseki, 京料理 (kyo-ryouri) genannt.

Das Problem ist, diese kleinen Ryotei zu finden. Sie haben nicht immer eine englische Webseite, wenn sie denn überhaupt eine Webseite haben. Und wenn sie eine haben, sind sie schnell von Touristen überrannt.

Meine beste Idee wäre: Fragt das Hotelpersonal. Dieser Ansatz hat aber das Problem, dass eine Reservierung sehr kurzfristig erfolgen müsste. Packt die Frage am besten schon bei der Hotelreservierung in eine eMail … Ja, man sollte nicht alles über booking.com abwickeln. Diese Seiten sind bequem, aber man hat keinen Kontakt zum Hotel. Man kann nichts erfragen oder um Hilfe und Tipps bitten.

Eine Alternative zu Ryotei sind sogenannte 割烹 (Kappo). Diese sind im Vergleich zu Ryotei etwas günstiger. Allerdings sitzt man hier am Tresen.

Etikette und Dresscode
  • Die Kleidung sollte der Situation angemessen, aber auch bequem sein. Man sollte damit rechnen, dass man auf Tatami sitzt und deshalb die Schuhe auszieht. Achtet also auch lochfreie Socken. Ach ja, barfuß  ist ein no-no.
  • Parfüm und Colognes sollten nicht getragen werden. Sie irritieren nicht nur die eigene Nase, sondern auch die der anderen Gäste.
  • Zum Thema Foto sollte man definitiv vorher um Erlaubnis fragen. Die meisten werden ja sagen, aber darum bitten, den Blitz zu deaktivieren. Achtet definitiv auf die Persönlichkeitsrechte andere Gäste und des Personals im Restaurant. Japaner haben hier ein anderes Verständnis von Diskretion als das westliche Instagram-Proletariat.
  • Beim Essen sollte man sich irgendwie an die Reihenfolge erinnern. Im MICASA gab es einen Zettel, der mir die Gänge erklärte. Der war natürlich in der richtigen Reihenfolge. MICASA war kein traditionelles (= echtes ?) Kaiseki, aber es folgte alle Regeln bezüglich Saisonalität, Regionalität, Farbkomposition usw.
  • Lebensmittelrestriktionen — seien sie religiös, ideologisch oder medizinisch begründet — sollten bei der Reservierung kommuniziert werden. Bei Ankunft im Restaurant ist es zu spät. Es ist kein a-la-carte-Essen. Gleiches gilt für den Verzehr von Alkohol. Sake gehört zum Kaiseki traditionell dazu. Aber jedes Restaurant hat eine Alternative parat; nicht zuletzt, weil in Japan eine 0-Promille-Grenze gilt.

Alternativen zu Sake in Form von Wein oder Bier sind möglich und zählen zu einer zeitgemäßen Interpretation von Kaiseki. Ich empfehle dennoch den Sake; zumindest für die ersten zwei, drei Erfahrungen mit Kaiseki. Danach kann man auch mal eine Weinbegleitung testen, wenn sie angeboten wird. Nur so kann man den modernen Ansatz richtig in den Kontext einordnen. Bei der Wahl des Sake (und der Trinktemperatur) wurde ich mich ohne zu zögern in die kompetenten Hände des Personals begeben. (Ein Tipp der auch für Sternerestaurants gilt. Der Sommelier weiß was er tut. Das ist sein Job. Ich bin kein Sommelier, was weiß ich von Wein, gerade in Kombination mit der Kreation des Küchchefs)

Ryokans haben eigene Regeln. Hier ist es gut möglich, dass Kaiseki auf dem Zimmer serviert wird und man selbst in der Yukata am Tisch sitzt. Sollte das Kaiseki im Speisesaal serviert werden, fragt vorhe nach den Regeln bezüglich Yukata. Dies handhabt jedes Ryokan anders.

Was kostet der Spaß

Kaiseki ist teuer; so ist aber auch Sterneküche in Europa. Die Preise starten bei 50€ und können schnell auf 400€ (pro Person) steigen; Getränke extra, versteht sich.

Die Menüs gibt normalerweise in drei Preisstufen: Sho Chiku Bai (Kiefer, Bambus, Pflaume). Kiefer ist dabei die teuerste Variante. Und wer meint den Begriff von irgendwoher her zu kennen … ja es ist der Name es billigen Sake, dem man hierzulande im Asialaden kaufen kann.

Manche Restaurants bieten eine etwas günstigere Lunch-Version an (40-80€). Kaiseki bleibt für mich aber ein Abendessen. Es soll sogar Bentobox-Varianten geben (ab 20€). Diese Idee finde ich wiederum interessant. Es hätte schon Stil, Kaiseki-Bento an Bord eines Shinkansen auf dem Weg von Tokyo nach Osaka zu essen.

Casual Kaiseki

Hier werden viele Schalen und Schüssel eingesetzt, um Kaiseki zu imitieren. Meist fehlen dann aber Bestandteile oder es werden die ganz zu Anfang definierten Regeln verletzt.

Ich bin ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich ein Casual Kaiseki vom „Real Deal“ unterscheiden könnte (das MICASA hatte ich schon erwähnt). Und ich weiß auch nicht, ob es einen großen Unterschied macht, wenn es gutes Casual Kaiseki ist. Wahrscheinlich sind die Hälfte meiner Kaiseki-Fotos in Wahrheit „Casual Kaiseki“.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich Kaiseki genossen habe, noch bevor ich wußte, dass es Kaiseki ist oder auch nur was Kaiseki ist. Die erste Fotos sind von 2006. Eingelesen in dieses Thema habe ich mich erst so um 2016; 10 Jahre später, als ich alle aus meiner sIcht wichtigen Orte bereist und auch das Projekt „2004 Reloaded“ abgeschlossen hatte.