江戸切子 .. Edo Kiriko

Edo Kiriko — Zerlegen wir das: 江戸 (Edo) ist der alte Name für Tokyo. 切 (Ki) ist das Kana für schneiden. 切子 (kiriko) heißt Facette und 切子 (ebenfalls kiriko gelesen) Glasfacette oder geschliffenes Glas. Edo Kiriko meint also nichts anderes als geschliffenes Glas aus Tokyo.

Wie so oft in Japan verbirgt sich dahinter mehr: Edo Kiriko gilt als eine der traditionellen, wenn auch jüngeren, japanischen Handwerkskünste.  Dabei soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es einen großen westlichen Einfluss gibt.

Edo Kiriko /vs./ Satsuma Kiriko

Neben Edo Kiriko existiert auch noch Satsuma Kiriko. Dies ist, … Der Begriff Spin-Off beschreibt es am Ehesten. Satsuma hatte zudem rückwirkend den Edostil beeinflusst. Eine Abgrenzung ist daher — wenn überhaupt — nur schwer möglich. Grob kann man sagen: Edo Kiriko verwendet vorwiegend farblose Gläser; Satsuma Kiriko verwendet vorwiegend farbiges Glas. Aber wie gesagt, eine scharfe Abgrenzung ist nicht möglich.

Edo Kiriko

Den Ursprung soll Edo Kiriko im Jahr 1834 (Ende der Edo-Zeit) haben, als der Glasgroßhändler Kyubei Kagaya mit Schmirgelpulver experimentierte. In der Meiji-Zeit, als sich Japan zum Westen öffnete und die Industrialisierung Japans Fahrt aufnahm, wurde Emmanuel Hauptmann nach Japan eingeladen. Er unterrichtete japanische Glasschleifer in britischen Fertigungstechniken.

Whiskyglas von Kagami — https://www.kagami.jp/english/product/item/t429-2021.html

Schwerpunkt der Glasschleifindustrie wurde das heutige Gebiet Koto-ku zwischen den Flüssen Arakawa und Sumidagawa. Die Populartät stieg. Mit dem Westen war zudem ein Exportmarkt entstanden, der die Zahlen zusätzlich in die Höhe stiegen ließ. Edo Kiriko erfuhr einen weiteren Aufschub durch das Ende von Satsuma Kiriko, in dessen Folge viele Kunsthandwerker auch noch Edo abwanderten. Auf diesem Weg gelangte auch die Verwendung von gefärbten Gläsern in die Tradition von Edo Kiriko.

In der Taisho-Ära war wa-kiriko (japanisches, geschliffenes Glas) ein Alltagsgegenstand und fand überall Verwendung: als Trinkglas, Lampenschirm, Teller, … Ich müsste jetzt mal nach Europa schauen, aber ich habe das Gefühl, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts auch hier einen Boom von geschliffenem Glas gab.

Satsuma Kiriko

Der  Name Satsuma Kiriko leitet sich vom Satsuma Clan ab, dessen Residenz in Kagoshima war und der zeitweise nahezu ganz Kyushu kontrollierte.

Daimyo Shimazu Narioki hatte während seines Aufenthalts in Edo anfang des 19. Jahrhunderts Kunsthandwerker eingeladen, Kiriko in Satsuma zu fertigen.  Ohne einen Beleg dafür zu haben, vermute ich, dass viel Wissen aus Tokyo abfloss und zusätzliches, nicht-japanisches Wissen aus China und Europa (Stickwort Dejima; Nagasaki) in Satsuma ergänzt wurde.

Der Herstellungsprozess des Glases selbst soll seinen Urpsrung in China haben. Im Prinzip ist es ein Bleikristallklas: „Satsuma kiriko was made by melting lead and mixing it with powdered white stone … zinc was sometimes combined with the mix (to the reheated glas) in order to eliminate impurities … as the mixture cooled niter was added“. — Ich habe diese Information im Zusammenhang mit Satsuma Kiriko gefunden. Ich vermute aber, dass dies auch für Edo Kiriko zutrifft.

Satsuma Kiriko führte auch die Verwendung von oberflächlich gefärbtem Glas ein. Durch das Schleifen der Facetten wird die Farbschicht entfernt, wodurch die Facettenmuster deutlich hervortreten. Traditionelle Farben sind Rot und Blau.

Shimazu Nariakira baute die Fertigung nach westlichem Vorbild aus. Allerdings endete Satsuma Kiriko bald nach dem Tod von Nariakira: In der Satsuma-Rebellion wurden die Fabriken bombardiert und teilzerstört. Hiervon hat sich Satsuma Kiriko nicht erholt. Die Glasschleifer wanderten u.a. nach Tokyo und Osaka ab, wo von da an Satsuma Kiriko produziert wurde. Dies war auch der Zeitpunkt, an dem Satsuma Kiriko (z.B. die Verwedungung von farbigem Glas) Edo Kiriko beeinflusste.


Der Fertigungsprozess
  • (1) Skizzieren: Es werden die Hauptlinien (mit Eisenoxid) auf dem Glas markiert. Sie dienen dem Schleifer als Leitlinien für das gesamte Design. Diese Linien werden dann als sehr feine und oberflächliche Linien in das Glas geschliffen.
  • (2) Erster Schliff: Das Basisdesign wird mit einer Tiefe bzw. Breite von etwa 75% geschliffen. Anschließend werden die Ränder der Schliffe ausgeformt. Hier kommt die Erfahrung des Schleifers zum Einsatz, denn finale Breite, Tiefe und deren Verlauf über die Schlifflänge werden nicht skizziert. Für diesen Prozess werden in der Regel Schleifsteine auf Basis von Schleifsand verwendet.
  • (3) Finalisierung: Die Schliffe werden in Schritten final ausgeformt und einander angeglichen. Dabei werden nässe Schleifscheiben benutzt, die auch künstliche Schleifkörper benutzten. Dabei wird darauf geachtet, dass keine Rückstände auf den Schliffen zurück bleiben.
  • (4) Polieren: Dieser Schritt kommt insbesondere bei Kalknatronglas zum Einsatz. Die Facettenflächen werden poliert, bis sie genauso transparent sind wie die restlichen Glasflächen. Verwendet werden Holz-, Schwabbel- und Bürstenscheiben in Kombination mit Schleifpasten und viel Wasser. Gelegentlich wird auch Flusssäure eingesetzt.
verwendete Muster

Die verwendeten Schleifmuster haben ihren Ursprung in Mustern, die in der Natur oder dem täglichen Leben zu finden sind.Heute werden die Muster auch kombiniert, und es gibt zusätzliche moderne Muster. Hier eine kleine Auswahl:

https://www.wafuu-honpo.com/tableware-1/cut-glass-edo-kiriko/

Yarai (Palisaden): Dies ist eine Kombination aus dünnen und dicken Schliffen, die an einen Holz- oder Bambuspalisden erinnern. Ein deutscher Vergleich wäre der Jägerzaun. Das Muster gilt auch als Schutz gegen böse Geister.

Sasa-no-ha (Bambusblätter): Dieser Schnitt nimmt die Form der Bambusblätter zum Vorbild. Das Muster gilt auch als Glücksbringer.

Kiku-Tsunagi (verbundene Chrysanthemen): Bei diesem Muster dominieren sehr feine, sich kreuzende Linien, die die Eleganz der Chrysanthemenblüten zum Vorbild haben. Die Blume steht für ein langes Leben

Nanko (Fischeier): Die Schliffe ergeben eine Gesamterscheinung, die an Fischeier erinnert. Das Muster steht für Fruchtbarkeit.

Hakkaku-Kagome (achteckiger Flechtkorb): Dieses Schleifmuster nimmt das Muster der Flechtkörbe auf. Die acht Schleifrichtungen begründen sich in den 8 Himmelsrichtungen und symbolisieren das Universium.

Kiriko heute

Heute ist Kiriko eher ein Luxusgegenstand. Edo Kiriko darf sich nur nennen, was von einem zertifizierten Kunsthandwerker hergestellt wurde. Die Fertigung von Hand ist zeitaufwendig und damit teuer. 100€ pro Glas sind keine Seltenheit.

In 1985 gelang es Satsuma Kiriko in seiner ursprünglichen Form zu rekonstrieren. Seit 1989 ist Satsumaglas ein Traditionsprodukt von Kagoshima. Heute werden sowohl taditionelle als auch moderne Designs (Muster) und Farben hergestellt.

Vorsicht vor Edo-Kiriko-Angeboten im internet (Amazon, eBay und Co). Hier findet man viele Treffer für „Edo Kiriko“, aber nur die Hälfte ist wirklich geschliffenes Glas und davon ist nur ein Bruchteil wirklich Edo Kiriko. Der Rest ist Clickbait oder einfach falsch betitelt.

Hier gibt es das echte Edo Kiriko (Achtung: Das ist alles handgeschliffenes Glas und entsprechend hochpreisig):

  • https://www.kagami.jp/english/product/edokiriko.html
  • https://edokiriko.shop-pro.jp/
  • https://www.edokiriko.or.jp/#showroom
  • https://www.edokiriko.net/

Trivia: Es gibt ein (relativ neues) Gebäude in Tokyo, dass mit seinem Design an diese alte Handwerkskunst erinnert.

Meine Meinung

Kiriko gilt als tradtionelles, japanisches Handwerk, trotz der starken westlichen Einflüsse. Man könnte es also Beispiel sehen, wie Japan etwas import, adaptiert (und optimiert) und sich zu Eigen macht.

Ich habe lange überlegt, ob ich mir Whisky Tumbler zulege. Aber das ist eine zweischneidige Sache. Die meisten Muster wirken für westliche Verhältnisse altmodisch und sehen aus wie ein Erbstück von Oma. Die Farben sind sicherlich ein optischer Kracher, aber sie verfälschen die Farbe des Whisky. Es gibt es paar Muster, die ich sehr elegant finde. Dies sind aber moderne Muster, keine traditionellen. Und dann liegt der Glaspreis dann bei 200€ bis 450€. Ich werde es wohl wie bei vielen Sachen machen: Ich halte meine Augen offen ohne wirklich aktiv und gezielt nach etwas zu suchen und schlage zu, wenn  ich etwas finde, das mir sofort  gefällt.

Nachtrag: Kameido Umeyashiki ist ein Touristeninformation, das die Kultur und Geschichte des Kameido-Gebiets erzählt. Es liegt etwa 250m nördlich vom Banhhof Kemeido Eki (Sobu Line) und damit grob auf halben Weg zum Kameido Tenmangu. Ein Teil des Zentrums dient als Ausstellungsraum für Edo Kiriko-Glaswaren. — Ich bin 2019 daran vorbei gelaufen ohne es zu wissen (ich wollte die Grünphase an der Ampel erwischen).