der 3. Tag – Kanda River Cruise, Saitama

Heute ist so einer der Tage, da verlegt man mit dem Zug in eine andere Stadt, will aber den Tag trotzdem irgendwie nutzen. Dann ist da noch so eine Bootstour, die man unbedingt im Urlaub unterbringen wollte und die ein oder andere Sache, die man die Tage zuvor nicht geschafft hat, aber unbedingt noch …

Zuerst kommt der Check-out nach 6 Tagen Hotel Edoya. Es war schön, mal für eine so lange Zeit nicht den Koffer anfassen zu müssen. Das schwarze Gewichtsmonster wird neben der Lobby geparkt und dann geht es los. Erster Stop ist der Kameido Tenjin für das letzte Goshuin. Auch hier hat sich 20 Minuten vor Öffnung des Schreinbüros schon eine kleine Schlange gebildet. Kurz nach 9 Uhr sind die Tokyo Jissha komplett.

Die Bootstour ist um 11 Uhr. Ich könnte … Nein. Gar nichts überlegen. Ich nutze die Zeit, und fahre erst mit der Sobu-Line nach Shin-Nihonbashi und stelle fest, dass ich diesen Streckenabschnitt noch nicht zuvor benutzt, geschweige denn auf dem Plan hatte. Der Weg führt mich wieder an Coredo Muromachi vorbei, aber auch am berühmten Mitsukoshi Depaato.

Bootsfahrt

Pünktlich um 11 Uhr legt das Boot ab. Wie auch bei den anderen Reisen geht es erst einmal hinab zum Sumidagawa und dann hinauf bis Ryogoku, wo der Kandagawa endet. Und jetzt kommt der Teil, der mich interessiert: Der Kandagawa läuft knapp südlich von Akihabara. Wir passieren Manseibashi, die ich sonst immer zu Fuß überquere. Und dann kommen die Bahnbrücken bei Hijiribashi. Dieses Brückengewirr, das ich schon so häufig von oben fotografiert habe.

Genau hier ist der Punkt, wo man mit einem Schiff unter(!) der U-Bahn (Marunouchi Line) hindurch fahren kann. Der weitere Verlauf führt nach Suidobashi. Tokyo ist bis an die Wasserkante gebaut und gleichzeitig sieht man auch, dass die Wasserwege eine wichtige Funktion hatten und immer noch haben.

Vom Expressway überdacht geht es nun zurück zur Nihonbashi, vorbei an den Mauern des Kaiserpalastes. Auf dem Rückweg zum Hotel wollte ich eigentlich das fehlende Ema aus dem Kanda Myoin besorgen, die sind aber alle ausverkauft. Das ist jetzt äußerst ärgerlich. Dafür schaffe ich aber noch ein kurzes Saketasting in einem Sakeya neben Y&Sons, bevor es mit dem Taxi nach Ueno geht.

Noch schnell ein kleines Sake-Tasting und dann muss ich auch schon zum Bahnhof. Das Ticket hatte ich schon vorgestern geholt. Heute scheint das Chaos der Golden Week aber vorbei zu sein. In Saitama suche ich lange nach einem freien Coinlocker. Das Eisenbahnmuseum lasse ich deshalb ausfallen. Hiekawa Jinja muss reichen.

Saitama

In Saitama steige ich schon wieder aus, brauche aber ewig bis ich einen Coin Locker finde. Das war in der Heiseiära einfacher … ist schon cool, dass ich das jetzt sagen kann. Da ich auch noch anderweitig vom Zeitplan abgekommen bin, nehme ich ein Taxi zum Hie Jinja, der irgendwie enttäuscht. Er ist in jedem Reiseführer erwähnt und er ist auch ganz nett, aber ich hatte irgendwie mehr erwartet.

Den Besuch im Bahnmuseum lasse ich aus und entscheide mich für eine große Schüssel Ramen, bevor es zurück zum Banhhof geht. Nach einer weiteren sehr kurzen Fahrt mit dem Shinkansen erreiche ich Jomo-Kogen. 17 Uhr. Das passt … Bis der Planungsfehler zuschlägt.

Minakami

Es gibt zwei Touristeninformationen; eine in der Bahnhofshalle und eine nur ein paar Meter entfernt bei den Bushaltestellen. Mein 3-Tage-Bisticket liegt natürlich bei der Info, die um 16:30 Uhr schließt. Man ist bemühnt eine Lösung zu finden. Gleichzeitig läuft mir die Zeit davon. Wenn ich noch etwas von meinem Abendessen sehen will, muss ich den nächsten Bus nehmen.

Wie so oft in Japan wird am Ende alles gut. Ich habe mein Busticket, die Eintrittskarte für das Onsen und schaffe auch noch den Bus. Es gibt sogar eine Haltestelle, die den Weg zum Ryokan drastisch abkürzt.

Im Ryokan angekommen, verschiebt das Personal meinen Checkin, damit ich am Abendessen teilnehmen kann. Und so sitze ich erst einmal vor den vielen kleinen Tellern und Schüsseln mit japanischen Köstlichkeiten. Dazu trinke ich ein Bier; ein Octone aus der kleinen Brauerei hier um Dorf.

Nach dem Essen dann der Check-in und ein zweiter, genauerer Blick auf das Ryokan. Es ist genauso, wie man es sich vorstellt. Viel Holz, Tatamiböden im Zimmer und ein Futon. Ich stelle fest, dass die ein richtiges Holzhaus in traditioneller Bauart ist und kein Betonklotz mit einer Holzdeko. Ich lerne auch, dass der Besitzer Kolumbianer ist … deshalb auch der Name MICASA.

Der Tag endet dann im Onsen. Wie immer ist es kleiner als einem die Weitwinkelfotos glauben lassen, aber es geht ja dabei immer nur um den Entspannungfaktor. Und ich habe das Onsen jetzt gerade für mich alleine.

der 2. Tag – kein Schreinfest, Shinjuku

Heute ist der letzte Tag in Tokyo und ich erfahren, dass übermorgen ein Empfang im Kaiserpalast ist, so wie zu Neujahr. Das glaube ich jetzt nicht. Super Timing. Das schlimme: Von Minakami aus sind es nur etwa drei Stunden. Es wäre theoretisch möglich, dafür nach Tokyo zurück zu fahren. Arghhhh.

Und wo wir bei Timing sind: Der heutige Tag beginnt mit den Goshuineinträgen von Hikawa Jinja (das Schreinbüro öffnet um 09:30 Uhr) und Hie Jinja (das Schreinbüro öffnet um 10:00 Uhr). Ich bin sehr gut in der Zeit und muss sogar warten. Wie etwa 10 weitere Leute, die schon so früh Schlange stehen. Es ist aber kein Vergleich zu gestern.

Auf dem Weg zum Hie Jinja fängt es an zu regnen. War ja klar. Der Regenschirm von gestern liegt im Hotel. Also muss ich einen neuen kaufen. Um 10 Uhr habe ich beide Goshiun. Jetzt fehlt nur noch das vom Kameida Tenjin und das kommt morgen.

Für 11:30 Uhr ist die Noh-Aufführung am Meiji Jingu angesetzt. Da schaffe ich vorher noch die Bilder für das VNV-Projekt südlich vom Bahnhof und in der 1-chome. Dann geht es mit der Yamanote nach Harajuku. Dieser Bahnhof erstaunt mich immer wieder. Im 2-Minuten-Takt werden hier hunderte Leute angespült und die Gänge sind dafür nicht wirklich ausgelegt. Es klappt nur, weil sich alle an die ungeschriebenen Regeln halten … und 5 Bahnmitarbeiter versuchen, das Ganze zu ordnen.

Treffpunkt mit Thomas ist der Südeingang zum Meiji Jingu. Allerdings ist die Aufführung wegen der Regengefahr in das Schreingebäude verlegt worden und man kann so gut wie nichts sehen. Da dies sicherlich auch für die anderen geplanten Aufführungen gilt, wird der Plan geändert. Jetzt habe ich genug Zeit, um das VNV-Projekt in Shinjuku abzuschließen.

Höhe Yodobashi Camera muss ich feststellen, dass 100% der Japaner online sind. Hier in der Straße stehen dutzende Japaner und alle starren auf ihr Smartphone. Alle. Wirklich alle. Ich bin wohl der einzige, der offline ist. Kurzer Blick. Ja, ich bin der einzige. Auch in der Nebenstraße gibt es nur Smombies.

Die VNV-Szenen sind allesamt schnell gefunden, auch die in Kabukicho. Eigentlich fehlen die Szenen in der Bahnstation, die ich nicht zuordnen kann und ich habe etwas Zeit übrig, bevor ich mich mit Thomas treffe. Ich schnappe mir die erste verfügbare Bar. Schon im Bezirk Nishi-Shinjuku hatte ich runde Füße; vom sich anbahnenden Sonnenbrand ganz zu schweigen. Endlich sitzen. Die Bar ist minimalistisch eingerichtet: Ein Trensen, ein paar Sessel. Das war es. Der Rest ist nackter Beton. Aber irgendwie ist das was da ist, vollkommen ausreichend.

Abendprogramm

Das Abendprogramm startet in Omoide Yokocho. Aber irgendwie hat sich das ganze hier in den letzten drei Jahren verändert. Und nicht zum Guten. Zum Einen sind zu viele Touristen hier, die nur schauen und im Weg stehen. Zum anderen ist dadurch der Ton und die Stimmung ruppiger geworden. Rein, Essen, Zahlen, Raus. Kann sein, dass es an der Uhrzeit liegt, aber irgendwie habe ich Omoide Yokocho etwas gemütlicher in Erinnerung. (Zum Glück habe ich mit Noren Gai perfekten Ersatz gefunden.)

Wir verlegen nach Kabukicho. Ohne es geplant zu haben sind wir Punkt 19 Uhr in der Godzilla Road, als das Monster zum Leben erwacht. Nach einem kurzer Abstecker zum Eingang des Robot Restaurants steuern wir das eigentliche Ziel an. Die Magic Bar; eine Bar in der Zaubertricks zum Programm gehören. Der erste Trick ist, die Adresse zu finden. Neben den Tricks am Tisch gibt es auch eine Show.

Die 3500yen sind ganz schon happig, aber es ist ein All-You-Can-Drink-In-90min-Plan. Gut, das Tempo des Kellners sorgt schon dafür, dass der Laden kein Minus macht. Andererseite kosten ein Bier gerne mal 600 bis 800yen. Nimmt man jetzt 3 Bier und etwa 1000yen für die Show ist es eigentlich ganz ok. Japan ist halt teuer.

Die Show ist ganz ok. Ich habe das Gefühl, dass viele hier das nur als Nebenjob machen. Ein paar Tricks sind leicht zu durchschauen, bei anderen ist das Palmieren oder Sleight of Hand nicht ganz sauber. Es gibt aber auch ein paar Tricks bei denen ich auf die Misdirection reinfalle. Alles in allem eine kurzweilige Unterhaltung.

Das Finale findet dann in Golden Gai statt. Und welcher Ort wäre besser geeignet, diesen durchgeknallten Straßenzug vorzustellen, als die Bar „Deathmatch in Hell“ [facebook][]; Heavy Metal und Horrorfilme. Was kann man daran nicht mögen.

In Anbetracht der noch vor uns stehenden Fahrzeiten beenden wir den Abend nicht zu spät. Außerdem muss ich den Koffer noch packen. Ich verlege morgen nach Minakami.

der erste Tag – Youkoso Reiwa

Heute besteigt der neue Kaiser den Thron. Heute beginnt die Reiwaära. Große Veranstaltungen sind nicht geplant. So versuche ich mich an den Tokyo Jissha. Allerdings haben auch Millionen andere die gleiche Idee. Auch Sie wollen ihr Goshuin mit einem Eintrag am 01. Mai 2019 füllen. Mein letzter Tokyo-Jissha-Anlauf war am 01.01.2013. Ich habe ein Talent für komplizierte Termine.

Egal. Es geht los (1) Kanda Myoin. Hier ist so früh kaum Betrieb, aber der Souvenirshop hat so früh noch nicht geöffnet. Ich kann das Ema nicht kaufen oder muss noch 30 Minuten warten. Leider ist der Ansatz: 1 Schrein pro Stunde, sonnst klappt es nicht. (2) Nezu Jinja. Hier findet derzeit noch das Azaleenfest statt. Die meisten Matsuristände sind noch mit dem Aufbau beschäftigt. Die Warteschlange am Goshiun-Schalter ist schon etwas länger. Aber ich bin gut im Plan und habe sogar Zeit für Fotos von den Azaleen.

(3) Hakusan Jinja. Der Schrein ist gleich um die Kurve und öffnet erst in 15 Minuten sein Büro. Es steht im Prinzip auf dem Schild, aber der Aha-Effekt kommt erst, nachdem mir es ein Japaner übersetzt. (4) Oji Jinja. Bis hier war so gut im Zeitplan, aber dann kam dieser Schrein. Einer der Größeren in Bezug auf seine Bedeutung. Außerdem bin ich jetzt in der Goshuin-Rush Hour. Ich stehe über eine halbe Stunde in der Warteschlange. Wenn das so weitergeht, habe ich ein Problem.

(5) Shinagawa Jina. Bis hier war die Reihenfolge wie 2013. Dieses Mal ziehe ich diesen Schrein am Südende Tokyos vor und Rolle den Rest von unten auf. Das spart mir 3 Mal Umsteigen; so der Plan. Und da ich dieses Mal auch nicht in den Express einsteige – den bunten und eindeutigigen Markierungen am Banhnsteig sei dank – ist es auch keine Weltreise. Es fällt mir ferner auf, dass es hier einen Fujizuka gibt. Einen kleinen Steinberg, der den Berg Fuji repräsentiert. Die Chance wird genutzt: Ein Mal zum Gipfel und zurück. (6) Shiba Daijingu. Hier biege ich irgendwo falsch ab und muss nach ein paar hundert Metern nach dem Weg fragen. Man bin ich falsch gelaufen.

(7) Hie Jinja; (8) Hikawa Jinja. Es ist jetzt Nachmittag. Ich bin relativ gut in meinem „Ein Schrein pro Stunde“-Plan und habe den langen Streckenabschnitt (Oji nach Shinagawa sind knapp 30 Minuten !) hinter mir. Aber die Warteschlangen an diesen beiden Schreinen sind lang. Sehr lang. Mit meiner Erfahrung vom Oji Schrein schätze ich eine Wartezeit von über einer Stunde. So gerne ich das Goshiun heute komplettieren möchte, aber rein technisch wären das die letzten beiden Schreine, bevor die Büros schließen. Auf der anderen Seite, bin ich im Urlaub, kein Gläubiger und keiner wird alle 10 Schreine heute schaffen. Ich verschiebe das mit Goshuin auf morgen und kaufe nur die Ema.

(9) Tomioka Hachimangu. Hier ist wieder keine Warteschlange, naja ich warte etwa 5 Minuten. (10) Kameida Tenjin. Dieser Schrein ist der letzte, zumal er nahe am Sky Tree steht. Auf dem Fußweg dorthin, werde ich von einem Izakaya angesprochen. Ich lehne ab, mit dem Verweis auf meinen Schreinbesuch. Am Kameida ist noch der Rest der Wisterablüte zu sehen. Und von der Brücke im Wisterafeld sehe ich auch die Warteschlange. Autsch. 60-90 Minuten schütze ich. Es ist der letzte Schrein und ich habe die Zeit.

Und dann überlege ich: Sich hier die Beine in den Bauch stehen oder doch der Einladung des Izakaya folgen. Ich hatte noch kein Mittag und es ist 17 Uhr. Ein paar Leute hinter mir wird ein Schild aufgestellt. Es ist wie an der Kasse: „Letzter Kunde“. Alle die jetzt noch kommen werden heute nicht mehr bedient. Ich bekomme den Stempel also noch. Oder doch das Izakaya? Was solls. Mir fehlen eh schon zwei Stempel, da kommt es auf diesen nicht mehr an.

Zurück am Izakaya sehe ich erstaunte Gesichter. Die hatten wohl alle nicht erwartet, dass ich zurückkomme. Zugegeben, ich habe es selbst nicht erwartet. Und es war die richtige Entscheidung. Ein guter Sake (Daiginjo) und Sushi. Hier könnte der Tag enden, wäre da nicht noch der Sky Tree.

Sky Tree

Ich verkürze die Anreise zum Sky Tree mit einer Taxifahrt und lasse die Tüte mit dem vorhin erst gekauften Reiwa-Sake und Whisky fallen. Der Sake ist hin. Der Whisky zum Glück nicht. Schrecksekunde.

Die Reservierung über japanican sorgt für Konfusion am Counter, aber am Ende spart sie mir die Warteschlage. Einzige Sorge: Ich habe eben, als ich das Handgepäck im Coin Locker geparkt habe, einen Blick nach oben riskiert. Die Wolkengrenze scheint bei 350m zu sein, da wo die Aussichtsplattform ist.

Oben bestätigt sich dies. Ich stehe im Nebel. Ich texte Thomas, dass es eine 50:50-Chance ist, zumal er in die Warteschlange müsste. Es klar ein wenig auf. Man blickt durch kleine Wolkenlücken nach unten. Das ist auch mal eine Ansicht. Genau jetzt bekomme ich die Akkuwarnung. Ganz mieses Timing. Ich halte mich am Auslöser zurück.

Auf 450m ist die Sicht nicht viel besser, anfänglich; wird aber mit der Zeit immer besser. Klar, ich habe Thomas kurz zuvor getextet, dass ich etwa um 2045 wieder unten bin. Egal.

Zusammen mit Thomas geht es jetzt zur Ninja Bar. Die Bar muss ich ihm zeigen. Sie ist so schon durchgeknallt. Genau, das was man von Tokyo erwartet. Wir probieren uns durch das Sakesortiment und ruinieren die Spotify-Playlist der Bar: Hatsune, Softbank Hawks Theme, Bridear, Ramstein, Apokalyptischen Reiter, … Ich gebe zu, das ist sehr eklektisch. Ach ja, auch hier werde ich wiedererkannt; „the German guy from last year“.

Dieses Mal achte ich darauf, dass wir rechtzeitig aufbrechen. Die beiden müssen noch mit der Asakusa-Line bis Shinagawa. Ich verabschiede die beiden am Gate und gehe dann zurück zur Ginza Line. Das war der Beginn der Reiwaära.

さよなら 平成 — ようこそ 令和

Heisei .. 平成

… Die Idee nur bis Akihabara zu fahren war unmotiviert, macht mich aber wieder fit. Außerdem fällt mir wieder ein, dass heute der letzte Tag von Heisei ist. Soll ich noch schnell irgendwo hin. Ich vermute, dass in Shibuya um Mitternacht irgendwas passiert. Aber vielleicht nur in einzelnen Clubs und Kneipen. Wie gesagt, es gibt kein Partykonzept in Japan für so einen Tag.

Und wenn da nur der Regen nicht wäre. Ja, es hat wieder angefangen zu regen. Und wie. Außerdem heißt Shibuya oder irgendein anderer potentieller Partyort, dass man kurz danach zur letzten U-Bahn laufen muss, wie zigtausende andere Japaner; oder alternativ ein 50€-Taxi benötigt.

Das klingt nach einer Menge Stress nur für die Möglichkeit der Teilnahme einer vermuteten Veranstaltung. Und wenn da nur der Regen nicht wäre.

Also Plan B: Ein kleine Flasche Reiwa-Sake (den ich heute Vormittag in Coredo gekauft habe) und das Rotenburo auf dem Hoteldach. Es sicherlich nicht der beste Plan, aber er hat Stil.

秒読み

Und so genieße ich ein heißes Onsenbad auf dem Hoteldach, während die Uhr Richtung Mitternacht tickt. Der Sake steht am Beckenrand. Es regnet. Der Sound von Tokyo der Heisei-Ära umgibt mich.

5 … 4 … 3 … 2 … 1 …

Das wars. Die Regentschaft von Kaiser Akihito ist beendet. Die Ära Heisei ist jetzt Vergangenheit und Teil der Geschichtsbücher. Ab jetzt befindet sich Japan in der Ära Reiwa. Es fühlt sich nicht anders an als vorher. Aber irgendwie ist der Moment doch bedeutungsvoll. Wohl auch, weil ein solches Ereignis nur wenige Male im Leben erlebt werden kann. Der Sake steht am Beckenrand. Es regnet. Der Sound von Tokyo der Reiwa-Ära umgibt mich.

Kanpai

Reiwa .. 令和

In ein paar Stunden wird der neue Kaiser Naruhito zeremoniell die Reichsinsignien entgegenehmen und formal den Thron besteigen. Auch all das wird wieder hinter den verschlossen Türen des Palastes geschehen. Und was ist mein Plan für diesen Tag? Ich versuche mich erneut an den Tokyo Jissha. [Nachtrag: Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass der Goshuin-Eintrag von diesem (heutigen) Tag eine Besonderheit ist, und die Warteschlagen entsprechend lang sind.]

[Und ja, dies sind Screenshots vom Fernseher. Alle Zeremonien fanden im Palast hinter verschlossenen Türen statt. Und es gibt auch keine Fotos von mir im Onsen.]


Nachtrag: Die Bilder von Mitternacht zeigen, was für eine Bedeutung dieser Tag / diese Nacht hatte: Überall standen Leute im Regen und haben den Countdown runtergezählt. Es gab Feuerwerke. Einige Zuglinien hatten sogar spezielle Bahntickets für die Züge um Mitternacht. Witzig in diesem Kontext war der Bericht über eine Bahnfahrt, in der die Leute nicht mal mitgekriegt haben, dass Mitternacht vorbei ist und Reiwa begonnen hat. Hmm. Osaka hat mal wieder alles getoppt: Drei Japaner sind von der berühmten Brücke in Dotomburi in den Fluss gesprungen … Aber überall hat es geregnet.

der letzte Tag – Good Bye Heisei

Das ist er also. Der letzte Tag der Heisei-Ära. Das Ende einer Ära.

Seit hunderten von Jahren erstmals ist dieser Tag nicht überschattet vom Tod des Kaisers und Staatstrauer. Das heißt aber auch, dass die Japaner nicht wirklich einen Plan für den heutigen Tag haben. Also mache ich mir meinen eigenen.

Während das Fernsehen noch die einzelnen zeremoniellen Details des heutigen Tages durchgeht, von denen alle hinter verschlossenen Türen im Kaiserpalast stattfinden werden, suche ich nach einem guten Tropfen für die anstehende Bootsfahrt.  Mein erstes Ziel ist der Sakeya nebem den Eingang zur Yushumi-Station der Chiyoda-Linie; geschlossen während der Golden Week.

Zum Glück gibt es noch das Untergeschoss des Matsuzakaya Depato. Ich finde keinen Reiwa-Sake, aber auf der anderen Seite wäre das eher was für morgen. Ich kaufe einen Junmai-Daiginjo (gemäß dem Reeperbahnmotto „Sekt für die Nutten, Champagner für mich“). Und ganz wichtig: Ich habe den letzten Tropfen des Suntory Royal dabei. Mehr dazu später

Ich habe genug Zeit, um durch die Ameyokocho zu schlendern. Dass ich diese quirlige Straße so lange vernachlässigt habe …

Weiter nach Mitsukoshi-mae, da ich noch einen Sakebecher brauche. Was ich in diesem Moment nicht realisiere ist, dass das Shopping Center Coredo gleich neben dem Park mit dem Fukuto-Schrein (und dem Suigian) ist. Wie sollte ich auch. Ich war nicht an der Oberfläche, sondern nur im „Tokyo Underground“.

Und dann endlich die letzten Meter zum Bootsanleger. Oben an der Nihonbashi treffe ich Thomas. Im Gegensatz zu mir hat er keine Reservierung, aber es sind noch zwei Plätze frei, wenn wir etwas zusammenrücken. Und man erinnert sich an mich.

Goodbye Heisei Boat Cruise

Die Fahrt beginnt. Der Sake kommt auf den Tisch. Das Thema dieser Bootsfahrt ist „Good Bye Heisei“. Es geht vorbei an Gebäuden und Brücken aus der nur noch bis heute währenden Heiseizeit. Ein kleines Booklet zeigt Fotos von früher: Toyko Bay ohne die Rainbow Bridge. Unvorstellbar. Es folgen weitere Bauten wie Tokyo Big Sight und die Chuo-Shin-Ohashi.

Auf halber Strecke beginnt der Regen, der aber auch wieder aufhört. Zeit für DEN Whisky. Die Reiseleiterin übersetzt kurz den Hintergrund der Flasche für die anderen Teilnehmer: Gekauft habe ich den Whisky auf meiner ersten Japanreise 2004. Es ist ein Suntory Royal 15 Jahre, womit er in Heisei 1, dem ersten Jahr der Regentschaft, destilliert wurde. Zur Mitte (Heisei 16) habe ich ihn gekauft. Hier und heute, weitere 15 Jahre später (Heisei 31), erfolgt nun, am letzten Tag der Regentschaft, der Bottle Kill … Die leere Flasche kommt mit zurück nach Deutschland aus wertvolles Souvenir.

Nach der Rundfahrt stoppen wir drei erst einmal für ein kleines Mittagessen, bevor wir nach Akihabara verlegen. Wir stöbern etwas durch durch Straßen voller Manga und Elektronik und verlassen Akihabara über die Manseibashi (mit Stop an der Hitachino-Brauerei).

Mein nächster geplanter Stop ist Kanda Myoin. Von hier geht es zu Fuß weiter zum Yushima Tenjin. Ich gebe zu, dass dieser Abschnitt etwas selbstsüchtig ist. Ich will kurz mein Hotel und meinen Schrein zeigen.

Eigentliches Ziel ist der Ueno Park mit Kiyomizu-Kannon und Ueno-Toshogu. Und wo wir schon hier auf der Ecke sind, kann ich mir einen Abstecher in die Ameyokocho nicht verkneifen.

Uhrzeittechnisch schaffen wir es eh nicht mehr nach Asakusa. Von daher ist es jetzt mein Plan nach Kanda zu verlegen, wo ich kurz etwas die Orientierung verliere. Was jedoch nur daran liegt, dass es die falsche Kreuzung ist. 50m später ist alles wieder vertraut und wir gehen die schmale Treppe hinauf zum Kanda Oden Yataimura.

Wir sind die ersten Gäste und legen gleich los. Wie beim letzten Mal starte ich mit einem Hoppy, das Thomas noch nicht kennt, ein Bierersatz mit minimalem Alkohol (0,8%). Es ist nicht jedermanns Sache, aber ich mag es. Der nachfolgende Drink ist Dashiwari (Sake mit Dashi), das Thomas auch noch nicht kennt. Mein Fachwissen über japanischen Alkoholika macht mich langsam nachdenklich.

Wechseln wir zum Oden. Hier halte ich mich an meine Favoriten: Daikon (Rettich), Tamago, Würstchen, Fleischspieße, … Das ist Soulfood. Ob ich Gaku jemals überreden kann, das in Koblenz zu servieren, sei es auch nur zu Weihnachten auf dem Weihnachtsmarkt.

Gegen 21 Uhr scheint der Tag für mich zu enden. Die frische Luft, der Rest vom Jetlag und jetzt die wohlige Wärme von Oden und Dashiwari machen mich müde. We call it a day und jeder beginnt den Rückweg zu seinem Hotel. Aber Moment, das war noch was …