der 8. Tag – Yokohama bei Tageslicht

Aufwachen mit Mt.-Fuji-View ist schon etwas Besonderes, das ich ein paar Minuten genieße, bevor es los geht: Yokohama bei Tag. Das ist der erste Anlauf hierzu in 15 Jahren Japanreisen.

Ich fange in Minato Mirai an. Hier an den Brick Warehouses legt in ein paar Minuten ein Ausflugsboot ab. Die Dame, die für den Kundenfang eingeteilt wurde, spricht sogar Deutsch. (Der Kundenfang war damit erfolgreich.)

Die Bootsfahrt erweist sich als Glücksgriff. Bei dem bombastischen Wetter (Sonnenbrandgefahr) habe ich vom Wasser aus einen perfekten Blick auf die Skyline von Minate Mirai (Landmark Tower, Queens Plaza) mit Mt. Fuji im Hintergrund. Postkartenmotiv.

Nach der Rundfahrt geht es am Wasser entlang zur Hikawa-Maru; heute geschlossen. Argh. Also weiter nach Chinatown. Ich muss zugegeben, dass China Town tagsüber viel lebendiger und quirliger scheint als abends, aber ohne die Beleuchtung auch etwas Flair missen lässt.

Weiter geht es nach Motomachi. Die Einkaufsstraße  ist maximal Durchschnitt und da mich mein ausgedrucktes Kartenmaterial im Stich lässt, verpasse ich den Motomachi Park, den Foreing Cemetary und den Yamate Park (letzteren auch weil ich keine Lust hatte, die ganzen Stufen hinauf zu steigen). Hole ich nach.

Es folgt ein langer Fußmarsch durch den Stadtteil Nishinoyacho. Es ist ein reines Wohngebiet; ruhig und gemütlich. Ich frage mich, was eine Wohnung hier kostet. Etwa auf halben Weg liegt der Zengyo-ji, der hautpsächlich Friedhof zu sein schient. Naja. Mal war mal da … und es gibt einen Getränkeautomaten.

Kurz hinter der Midorigaoka Highschool endet die Straße und ich biege links in die Kazukadori ab. Zum Glück endet die Steigung und auf der gegenüberliegenden Straßeseite ist ein schmaler Park mit Bäumen (Schatten) und ein wenig Ausblick. Die Häuser hier sind groß und sehen sehr teuer aus. Jeder zweite Wagen in der Auffahrt ist ein Benz oder ein Beamer.

Geradeaus beginnt ein Park, verlockend schattig, aber nicht auf meinem Kurs. Die Straße, in der ich jetzt zur Abwechselung bergab gehe, heißt „Amerikazaka“. Unten links, dann an der dritten Ampel rechts, durch ein weiteres kleines Wohngebiet, da ist er, der Eingang zum Sankei-en. Tip an dieser Stelle: Nehmt den Bus !!!

Vom Park sieht man immer das gleiche Foto mit dem Teich und der Pagode im Hintergrund. Es ist das beste Bild, eindeutig, aber nur ein kleiner Teil der Anlage. Ich habe das Glück, dass es einen „Voluntary Guide“, 73 Jahre alt, gibt. Ich nehme das Angebot einer Führung durch den Park an und werfe meinen Zeitplan über Bord.

Die ganzen Detailinformationen die er auf Lager hat. Das findet man in keinem Reiseführer. Zum Beispiel dass der der Besitzer ein Mausoleum für die Asche seiner Frau gebaut hat, die Asche aber immer noch in Kyoto begraben ist: „Das Mausoleum ist fertig, meine Frau ist tot, aber irgendwas habe ich vergessen.“

Es gibt ein Teehaus, ein Farmhaus aus der Shirakawago-Region und so viele andere interessante Dinge, dass ich fast vergesse, hinauf zur Pagode zu gehen, um einen Blick von oben auf den Park zu haben.

Zurück nach Minato-Mirai geht es mit dem Taxi, dass ich mir mit ein paar australischen Touristen teile. Ich schaue auch kurz im Cup Noodle Museum vorbei. Wieder so ein Fall von „Naja, man war mal da.“

Passend zum Beginn der Dämmerung bin ich mit Stativ bewaffnet im Sky Garden. Blick auf den Fuji bei Sonnenuntergang (plus Bier in der Hand).

Ich muss mir was wegen der Reflexe in den Glasscheibe einfallen lassen, die sind trotz Polfilter immer noch da. Meine Idee für 2020 ist ein großes schwarzes Tuch und 2 bis 3 Saugnäpfe (und Fensterreiniger, um meine Spuren zu verwischen).

Für das Abendessen steuere ich eine Ramenbar auf der anderen Seite von Sakuragicho Station an, ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, dass diese Gegend hier Nogecho ist. Ich schlendere durch diesen Nightlife District: Izakaya, Restaurants, eine Hostessenbar und ein paar Bordsteinschwalben.

Mein Blick fällt auf eine kleine Bar, eine „Analog Music Bar“, eine Jazz Bar. Und dann macht es Klick: Das ist das Chigusa; gegründet: 1993 wurde es zu einer Institution der japanischen Jazz Szene! 2007 geschlossen und 2009 auf Wunsch der Stammgäste an neuer Stelle (hier) wiedereröffnet. Ich hab vor Jahren was darüber gelesen.

Hier wird Jazz von der Schallplatte gespielt. Man sitzt direkt vor 1,5m hohen Lautsprechern, die wie auch der Röhrenverstärker handberechnet und gebaut auf das Klangspektrum von Jazz optimiert sind. Die Japaner habe eine Vorliebe für solche Details.

Da das Chigusa heute schon um 22 Uhr schließt, wechsel ich rüber ins downbeat (db), eine weiter Jazzbar, bevor es zurück ins Hotel geht.

Alles in allem ein gelungener Tag: Ich habe Yokohama bei Tageslicht erkundet, super Fotos von Minato Mirai gemacht und war endlich im Chigusa.

der 7. Tag – Odawara, Atami Onsen, Manazuru

Heute stehen drei Stopps auf dem Plan: Odawara, Atami, Manazuru. Es ist mein Plan, bin aber nicht überzeugt, dass er gut ist. Mal sehen, wann es aus dem Ruder läuft.

Mit dem Taxi geht es zum Bahnhof Yokohama, denn ich bin bereits jetzt etwas spät dran. Das Gleis in Richtung Odawara ist schnell gefunden, aber der nächste Zug fährt nicht so weit. Ich lasse ihn sausen. Der Zug von meiner Liste wird nicht angezeigt. Naja, das Internet hat halt nicht immer recht.

Der nächste Zug fährt bis irgendwas mit O… Den nehme ich. Super es war Ofuna, drei Stationen entfernt. Der Zug für die Weiterfahrt ist der, den ich eben in Yokohama habe sausen lassen. Bis Odawara muss ich noch Mal umsteigen. Erst dort  finde ich den Grund: Mein Zug aus dem Netz war Teil der Shonan-Shinjuku-Line, die derzeit wegen eines Problems nicht fährt.

Odawara – Castle

In Odawara gibt es nur die Burg zu besichtigen. Sie ist fast gleich neben dem Bahnhof. Leider ist mein Timing so gut, dass ich dort mit etlichen Schulklasen aufschlage. Mit rettet aber, dass jede Klasse zuerst das Pflicht-Gruppenfoto-mit-Attraktion-im-Hintergrund machen muss. Es bleibt etwas Zeit für das Museum.

Atami – Onsen

Mit Anlauf schaffe ich den geplanten Zug nach Atami. Ich habe den Zeitverlust aufgeholt, musste dafür aber den Schreinbesuch opfern. Der Zug nach Atami passiert Manazuru. Die Gegend sieht sehr abgeschieden aus. In Atami, nur zwei Stationen weiter, sieht es schon wieder anders aus. Atami ist ein alter Onsenort. Gleich am Bahnhof gibt es zwei überdachte Shoppingstraßen mit Souvenirs.

Ich folge der Hautpstraße bergab mit dem Kiunkaku als Ziel. Das muss ich alles nachher wieder bergauf gehen. Egal. Nachher.

Das Kiunkaku ist ein altes, edles Ryokan. Die Räume sind in vier langen Korridoren um einen zentralen japanischen Garten angeordnet. Die Räume waren echt der Hammer, ebenso die alten Baderäume. Schade, dass es heute ein Museum ist. Auf der anderen Seite, wäre das eh über meinem Limit gewesen.

Unten am Wasser erahne ich das Problem mit Atami: Eine Hotel-Betonburg neben der anderen. Vom traditionellen Onsenflair ist nichts übrig. So langsam ergiebt das mit dem Manazuru Design Code einen Sinn. Wirklich hübsch und pitoresk sieht Atami nicht aus.

Auf dem Hügel steht die falsche Burg von Atami. Es ist nicht nur ein Nachbau. Hier stand nie eine Burg. Die ist ein reiner Touristen-Gag. Ich fahre mit der Seilbahn trotzdem einmal hinauf. Frei nach dem Motto: Wenn man schon mal da ist … Rein gehe ich aber nicht.

Denn eigentlich zieht es mich wieder hinunter an das Hotel neben der Seilbahnstation: Das Atami Korakuen. Hier hat eine neues Spa aufgemacht, mit einem Outdoor Bath, dass einen unverbauten Blick auf die Sagamibucht bietet, mit Wasser, dass bis zur Kante reicht und dort in die Tiefe fällt. Ein Foto kann ich nicht machen, aber es gibt ja das Internet.

Manazuru – Design Code

Letzter Stop war dann Manazuru, zwei Stationen von Atami entfernt. Was für ein Unterschied. Vor vielen Jahren hat sich die Stadt selbst einen Design Code auferlegt, damit die Stadt nicht endet wie Atami. Und so ist Manazuru auch heute noch eine kleine veträumte Stadt mit „normaler“ Bebauung, etwas von der Zeit vergessen.

Ich laufe ein wenig durch die Gegend. Für die Bootstour ist es schon zu spät, also habe ich jetzt Zeit, Zeit um zu entspannen und zu genießen.

Für das Abendessen geht es zu Kenny’s Pizza; ein Tip von NHK. Und der Tip ist Gold wert. Die Pizza war lecker und ich erfahre mehr über den Designcode, der hier auch ausliegt. Es geht in Gestaltungsregeln für den Städtebau. Und so wie es aussieht kommen viele Beispiele aus Europa, primär Deutschland und Frankreich.

Anata No Warehouse

Und da ich für den Sky Garden im Landmark Tower zu spät zurück in Yokohama bin, bin ich gleich nach Kawasaki ins „Anata no Warehouse“ durchgefahren. Ein Spielhalle, so durchgeknallt wie der Rest von Japan. Der Eingang und ein Bereich im ersten Stock sehen aus wie ein Teil der Walled City von Hong Kong. Ich hatte ein wenig gehofft, dass sich das Thema durch den ganzen Laden zieht. Es ist aber nur eine kleine Ecke. Der Rest ist ein riesige Spielhalle über 4 Etagen. Die Spiele hier sind alle von einem anderen Planeten … Planet Japan. Bei den meisten Spielen kapiere ich nicht einmal das Spielkonzept.

Egal. Der Tag hatte genug Stationen für heute. Ich fahre zurück nach Yokohama und stelle fest, dass die blaue Bahnlinie nicht nur nach Tokyo fährt, sondern bis nach Sakuragicho, gleich neben dem Landmark Tower. Ich hätte mir als gestern das Taxi sparen können, wenn ich sitzen geblieben wäre …

der 6. Tag – Oya Quarry and Kannon, Saitama

Damit ist die Onsenzeit schon vorbei und war wieder einmal viel zu kurz. Das vorverlegte Frühstück geneiße ich noch in Ruhe bevor ich zur Bushaltestelle gehe. Es folgt der Bus nach Jomo-Kogen, der Shinkansan nach Saitama (a.k.a. Omiya) und dann eine Station nach Utsunomiya.

Jetzt geht es wieder darum einen Coin Locker zu finden. Nach dem Stress vor drei Tagen habe ich für den kleineren Bahnhof Utsunomiya bedenken. Es ist widererwarten erstaunlich einfach. Ich scheitere nur mal wieder am Kleingeld. Tip des Tages: Immer 600yen in 100er Münzen dabei haben.

Ein Weg zur Touristeninfo lohnt sich immer (zweiter Tip des Tages). Es gibt eine Tageskarte, die die Busfahrt nach Oya und zurück und den Eintritt für den Oya Temple und die Höhlen. Unter ander Haltestelle stelle ich fest, dass die mir die Karte gar nicht gegeben haben. Wieder oben an der Info werden die Karten und ide Quittungen gezählt. Ja, es gibt das ein Delta. Mich. Mit Karte geht es wieder zurück an die Haltestelle.

In Oya angekommen gehe ich zum Eingang in die Höhlen. Links sieht man bereits die überirdischen Abbaustätten. Das sind schon große Löcher. Die Stufen bergab in den unterirdischen Bereich wird es immer kälter.

Allein die erste Höhle ist riesig. Vor allem wenn man bedenkt, dass dieser Abschnitt noch komplett von Hand abgebaut wurde. Die Kulisse ist beeindruckend.

Hier unten gibt es auch ein paar Kunstinstallationen und einen Raum mit Lichteinfall von oben, der auch schon mal als Kirche für Hochzeiten genutzt wird. Vereinzelt gibt es Konzerte. Hier unten lagert auch teurer Champagner. Die Höhlen sind auch immer wieder Kulisse für Musikvideos. Ich überlege gerade, ob das Astral-Dogma-Video von Yousei Teikoku hier gedreht wurde.

Wieder oben ist es angenehm war, aber die Kamera ist beschlagen. Ich wandere kurz durch das Museum, das unter anderem die einfachen Werkzeuge zeigt, die noch bis in die 70er benutzt wurden.

Der nächste Stopp ist dann der Oya Temple mit der großen Kannon. Im Tempel selbst, der halb in den Stein gebaut ist, dürfen keine Fotos gemacht werden. Das respektiere ich. Es gibt einen kleinen Garten und ein Museum. Wegen der fehlenden englischen Beschriftung, kann ich aber vieles nicht zuordnen. Ich habe mich aber im Vorfeld nicht über das Museum information, muss ich gestehen.

Die 27m große Kannon steht auf einem Nebenplatz. Die Höhlen und die Kannon sind die Reise wert gewesen. Nach einer Erdbeerlimo geht es mit dem Bus zurück zum Bahnhof und es stellt sich wieder einmal die Frage: Was tun mit dem Rest des Tages. Saitama/Omiya ist nur eine Shinkansen-Station entfernt. Jetzt lohnt sich der JRP und die damit verbundene Option, den Plan zu ändern.

In Omiya geht es mit einer neuen autonomen Bahn zum Bahnmuseum. Die Form der Waggons wirkt futuristisch. Sie könnten fast aus Star Trek stammen. Ich vermute, dass es umgekehrt eher stimmt, und diese Bahn in einem SciFi-Film verwendet wird. Das Bahnmuseum ist so lala, bin jetzt aber nur bedingt ein Eisenbahnfan. Zugegeben, hier gibt es viel Unterhaltung für Kinder. Ich bin hier wegen des ersten Shinkansen, Baureihe 0.

Es ist bereits 17 Uhr. Ich sollte langsam den Koffer abholen und Geld holen. In Utsunomiya habe ich unweit vom Bahnhof einen 7eleven gesehen. Ich gehe kein Risiko ein. Allerdings führt mich der Weg zurück zum Bahnhof an vielen Gyozaläden vorbei. Utsunomiya ist Gyoza-Hochburg und ich habe Hunger und frischens Geld aus dem Automaten. Ein unglückliche Kombination.

Die Weiterfahrt nach Yokohama verschiebt sich um 24 Gyoza. Jetzt bin ich definitiv satt und spät dran. Mit dem Shinkansen geht es nur bis Tokyo. Zum einen endet hier mein Japan Rail Pass East (der Tohoku-Shinkansen nach Shinyokohama wird von JR West betrieben). Zum anderen will ich nach Yokohama und nicht Shin-Yokohama. Vom Bahnhof aus geht es die letzten Meter mit dem Taxi [Nachtrag: Auf die Idee bis Sakuragicho zu fahren komme ich natürlich nicht. Mehr dazu morgen.]

Das Yokohama Royal Park Hotel gehört zur Oberklasse. Meine Koffer werden vom Hotelpersonal auf einen Trolley gepackt. Mir wird die Tür aufgehalten. Ich werden von zwei Leuten zum Check-in eskortiert.

Ich bekomme Zimmer 5311. Das ist der 53. Stock. Persönlicher Rekord. Der Fahrstuhl ist sehr schnell und sorgt für unangenehmen Druck auf den Ohren. Die Aussicht jetzt bei Nacht ist „wow“.

Und nun? ein Abstecher in die Cocktailbar mit Blick auf den Hafen. Nicht gerade günstig, da es eine happige Service Charge (quasi eine Eintrittsgebühr) gibt. Aber ein gutes Glas Sake im 62. Stock ist es mir wert.


Die Idee für den heutigen Tag kam wieder von NHK. Dieses Mal von der Show „Journey’s in Japan“.

der 5. Tag – Takumi-no-Sato, Mantenboshi-no-Yu

Für heute stand eigentlich Hoshi Onsen auf dem Plan. Aber schon beim Frühstück werfe ich diesen Plan über Bord. Die Abfahrtzeit des Busses für die einzig sinnvolle Verbindung kollidiert gerade mit dem Frühstück, das ich binnen weniger Minuten hinunterwolfen müsste. Dazu habe ich absolut keine Lust und entscheide  den nächsten Bus zu nehmen.

Mit Hilfe der Touristeninfo in Jomo-Kogen stelle ich fest, dass meine Internetrecherche gründlich und umfassend war. Das Bad in Hoshi Onsen wird vertagt. Ich fahre jetzt erst einmal weiter nach Sarugakyo Onsen am See Akaya. Der Ort ist nicht wirklich groß und hier ist exakt nichts los. Also laufe ich gemütlich am See entlang.

Der Weg führt mich, nachja nicht direkt, zum Mantenboshi-no-yu. Es ist kein Onsen, sondern eher eine modernes Sento. Der nächste Bus kommt in 90 Minuten. Das reicht allemal. Das Sento liegt weit oben, sodass man vom Badebecken aus einen gute Blick auf den See und die Berge im Hintergrund hat. Es ist kein Vergleich zu gestern, aber darum geht es nicht.

Zeit für die Rückfahrt, die genug Zeit für einen Stopp in Takumi-no-sato hat. Viel weiß ich über diesen Ort nicht. Er hat den Beinamen Craft Village. Hm. Mal schauen.

Der erste Blick ist schon mal ganz gut. Das Ganze hat ein wenig was von einem Museumsdorf. Viele Häuser haben eine Handwerkswerkstatt oder zumindest einen Verkaufsraum für Handwerkskunst. Nichts was mich irgendwie interessieren würde. Ich konzentriere mich auf eine gute Zeit, bis der nächste Bus kommt.

Zurück in Jomo-Kogen steht schon ein Bus nach Minakami bereit. Ich schaue kurz auf den Fahrplan und stelle fest, es ist der letzte Bus, der heute fährt. Ich habe total vergessen, dass Sonntag ist. Das nenne ich mal Glück gehabt.

Da bis zum Abendessen noch Zeit ist, laufe ich etwas durch Minakami. Und ich frage mich warum ich nicht gleich bis zum Banhhof durchgefahren bin. Egal. Es bestätigt sich die Erkenntnis von gestern: Die Hälfte der Gebäude, allen voran großen Hotels mit vielen Zimmern. steht leer. Um den einen oder anderen häßlichen Klotz ist es nicht schade, aber allein die Menge der Ruin stimmt bedenklich.

Bleibt zu hoffen, dass es um den Kolumbianer mit seinem MICASA, Dexter mit seinem Ruins und der Octonebrauerei herum ein neues Minakami entsteht, denn das alte nicht nicht mehr zu retten.

Mich soll das nicht stören. Ich bin bereits in diesem neuen Minakami angekommen (die Wahl des Ryokans war ein Volltreffer) und genieße wieder das Onsen vor dem Abendessen, dann das Abendessen und dann das Onsen nach dem Abendessen. Und immer noch ist das Außenbecken ein Stück zu heiß. Aber die Aussicht ist einfach gut.

Morgen reise ich bereits ab und das sehr zeitig. Der Koffer ist vorbereitet und ich konnte das Frühstück um eine halbe Stunde vorverlegen. Bleibt die Frage, was man mit dem angebrochenen Abend macht? Ab ins Ruins.

Heute ist etwas mehr Betrieb. Ich zieh den Altersschnitt ziemlich weit nach oben, aber das passt schon. Die Runde Riesen-Jenga lehne ich aber dankend ab. Der Rücksturz zum Ryokan erfolgt um 22 Uhr.

der 4. Tag – Takaragawa Onsen, Minakami Onsen

Anders als die anderen Tage zuvor steht heute nur ein einziger Punkt auf der Liste: Takaragawa Onsen und der Tag beginnt mit einem japanischen Frühstück. Und auch nach 15 Jahren sind Fisch zum Frühstück und Tsukemono immer noch nicht so ganz mein Ding.

Im Fernsehen laufen Bilder vom neuen Kaiser Naruhito und auch vom Platz vor dem Kaiserpalast, der sich schon so früh mit tausenden Leuten gefüllt hat, die in den Palast wollen. Ich könnte rechtzeitig in Tokyo sein … Auf der anderen Seite habe ich Urlaub … aber genau deshalb nach Japan geflogen …

Die Entscheidung fällt schwer. Aber am ende überwiegt das Onsen. 5 Stunden Bus und Bahn plus 1-2 Stunden Schlange stehen? Nein. Wenn da mehr wäre als die vermutlich wenige Minuten dauernde Ansprache, dann vielleicht. Aber so? Nee.

Das Ryokanpersonal fährt mich zum Bahnhof, wo der Bus in etwa 25 Minuten abfährt. Gegenüber des Bahnhofs stehen etwa ein Dutzend Häuser mit Geschäften. Jetzt bei diesem strahlend blauen Himmel ist das ein Postkartenmotiv. Es erinnert entfernt an eine kleine Stadt aus einem Wildwestfilm: der Bahnhof und gegenüber der Saloon, der Bäcker, der Friseur und ein paar andere Geschäfte.

Die Busfahrt dauert etwa eine halbe Stunde, dann stehe ich und etwa 10 andere Onsensuchende im nichts. Zum Onsen sind es etwas mehr als 1km, aber da soll gleich ein Shuttlebus kommen. Unten am Onsen gibt es die übliche Einweisung. Womit ich nicht gerechnet habe ist, dass es ein mixed Onsen ist; aber eines von der Sorte, wo man bekleidet badet. Badekleidung wird gestellt und ist im Prinzip ein großes Handtuch mit Bändern zum Festbinden.

Die Kamera bleibt im Coin Locker. Bis zur Rückfahrt habe ich fast drei Stunden, die erstaunlich schnell vorbei sind. Das Onsen selbst befindet sich beidseitig neben dem Fluss und besteht aus mehreren Rotenburo. Die Temperatur ist bei dieser Größe abhängig von der Position relativ zum Wasserzulauf und reicht von angenehm heiß (ca 40°C) bis „nur for Profis“ (ich vermute so um die 45°C). Ich selbst schaffe es nur mit den Zehen in das obere Becken und selbst ein Gruppe Japaner kapituliert … bis auf einen einzigen, der es tatsächlich knapp 30 Sekunden aushält. Die Bewunderung der anderen wird ihm sofort zu Teil.

So ein Rotenburo ist schon was besonderes. Man sitzt entspannt im Wasser. Neben einem braust der Fluss entlang. Man hat den unverstellten Blick in die Natur.

Nur das Restaurant mit der Bärensuppe finde ich nicht bevor der Bus für die Rückfahrt geht. Ich greife daher auf das Takaragawa Ramen am Onsen zurück. In Minakami angekommen sehe ich eine Dampflok am Bahnsteig. Die Chance muss ich nutzen. Nach kurzer Rücksprache darf ich ohne Ticket auf den Bahnsteig (das ist in Japan nämlich nicht erlaubt).

Es ist 15:30 Uhr und mein Tagesplan mit nur einem einzigen Punkt ist erledigt. Also geht es in den Souvenirladen. Auch hier gibt es Octone. Hah. Noch während ich diese Hopfenkaltschale genieße stelle ich fest, dass 2 Stunden Onsen auch 2 Stunden Sonne bedeuten, was den Sonnenbrand von vorgestern nicht besser macht.

Der Weg zurück zum Ryokan führt quer durch die Stadt Minakami und zeigt extrem deutlich, dass dieser Ort quasi im totalen Verfall begriffen ist: so viele leer stehende und zum Teil schon teileingestürze Hotelsruinen. Ich habe das schon in anderen Orten gesehen wie Naruko und Aizu-Wakamatsu, aber nie so schlimm wie hier. Ich habe viel von den Onsenhype gehört, während dem dutzende riesige Hotels wie Pilze aus dem Boden schossen. Dann kam der tiefe Fall am Ende der Bubble Economy und die Landflucht. das Resultat ist das Stadtbild von Minamaki.

Kurz vor dem Hotel finde ich die Octone-Brauerei. Das war das Bier von gestern Abend. Die Brauerei ist wirklich eine Microbrewery. Ich vermute so groß wie meine Wohnung. Zusammen mit dem bestellten IPA kommt der Tip, heute Abend mal im Ruins vorbeizuschauen. Warum nicht. Ich habe eh nichts vor.

Vor und nach dem Abendessen gibt es einige Onsenrunden. Das Abendessen selbst ist noch besser als gestern, was wohl auch daran liegt, dass dieser Tag so entspannend war.

Ich greife die Ruins-Idee auf. Viel los ist hier nicht, aber der Besitzer wäre auch sonst nicht zu übersehen: Er ist Kanadier und hat die Statur eines Linebacker. Er kennt die Betreiber vom MICASA, die auch Rafting und Canyoning anbieten; mit ein Grund, warum er hier in Minakami hängen geblieben ist.

Und ich lerne, dass Minakami versucht sich üer Outdoor-Aktivitäten neu zu definieren. Ohne Touristenattraktion in der Nähe ist das die einzige Option und könnte funktionieren: Tagsüber White Water Rafting und abends dann entspannt ins Onsen. Was im übrigen ein gute Idee ist …