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Waseda und der Yoyogi-Wahnsinn

Der heutige Tag beginnt am Nezu-Schrein. Der Nezu-Schrein ist für die Azaleenblüte bekannt. Ich erinnere mich an diesen langen Hang mit grünen Büschen. Am Uenopark vorbei, die breite Straße entlang … Wie war das noch? Auf halber Strecker ein Neubau. Das aus diesem Haufen Mikadostäbchen ein Haus werden soll, sehe ich noch nicht. Dann die Kreuzung, nach links, da ist er. Ganz ohne Karte. Und … Nichts Blüte, aber ich kann in Erfahrung bringen, daß die in 3-4 Wochen beginnt. Wenn das paßt, wäre das ein Traumabschluß dieser Reise.

Nezu Jinja

Weiter zum „Geheimtip“ Waseda. Die Touristenkarte ist nur eine Nährung an die Realität. U-Bahn, Campus, breite Straße, Fluß? Oder so ähnlich. Den Campus habe ich. April ist Beginn des Schuljahres bzw. des Semesters. Heute ist so was wie Erstsemesterbegrüßung. Alle „Freizeitgestaltungsprojekte“ präsentieren sich. Es ist bunt und laut. Ich stoppe für ein paar erfrischende Getränke und schaue dem Treiben ein wenig zu. Nun aber weiter, bevor ich mich noch irgendwo einschreibe.

Hinter der Uni die Straße und der Fluß; 10 unter mir, beidseitig mit Betonmauern eingegrenzt. Verwunderlich, daß sich Tokyo nicht auch über den Fluß erstreckt und er unterirdisch fließt. Links und rechts des Flusses steht ein Kirschbaum neben dem anderen. Leider ist ein Großteil der Blüte vorbei. Der Anblick ist toll. Vor einer Woche muß das der Hammer gewesen sein. Ich folge dem Flußlauf bis zu einer Kreuzung, die meine Gedanken zurück in die Hektik Tokyos bringt, die ich vergessen hatte. Kontrast.

Ich bin nahe Shinjuku, nächster Stop ist der Meiji-Schrein. Nordeingang, wie auf der ersten Reise; das Torii und der lange Weg durch den Wald. Tokyo ist ausgeblendet. Im Schrein laufen Vorbereitungen für eine Hochzeit. Gut positioniert, kann ich ein paar Fotos machen. Der Weg zum Yoyogi-Park führt an den Sakefässern vorbei … und den Weinfässern? Da schau an. Die Gaben an die Götter werden international.

Geheimtip Waseda und Yoyogi

Der Yoyogi-Park ist ein Park im westlichen Stil, aber: er ist das „Venice Beach“ von Tokyo. Am Eingang tummeln sich sonntags die Rockabilies, entlang der Straße promoten sich Jugendrockbands. Im Park heute ein Mischung aus Kirschblütenggenießern, Trommlern, Jongleuren, Capoera-Kämpfern … Man kann die Mischung nicht beschreiben. Man muß es sehen. Motto: Alles erlaubt außer spießig.

Japan ist das Land der Details! Heute im Programm: Kinderwagen für Hunde. Kein Scherz. Ein Kinderwagen für Tritthupen, inkl. Sichtfenster und Freßnapf. Arghh. Japan-Überdosis. Glück. Ein Gegenmittel schafft sich selbst eine Schneise: ein deutscher Schäferhund. Diese Baugröße scheint in Japan unbekannt zu sein, respektvoller Abstand ist die Folge. „That’s what I call a dog.“ Der Hund scheint es schneller verstanden zu haben als sein Herrchen, der etwas peinlich/entsetzt dreinblickt, als sein Hund meine Hand abschlabbert. In Japan eigentlich ein No-Go für Hunde.

Auf zum Shinjuku Gyoen. Der Eingang liegt an der JR-Chuo-Line. Den Yamanotering kennt jeder. Die Chuo kreuzt mittig in West-Ost-Richtung. Sie ist fast wichtiger als die Yamanote, wird aber gerne vergessen. Am Park Ernüchterung: Der Eingang ist zu. Argh. Die alte Tokyo-Falle: Die meisten Parks verlagen Eintritt UND sie schließen um 17 Uhr.

Meiji Jingu

Kein Problem: Hotel, Duschen, neue Akkus und dann zum Roppongi Hill/Mori Tower. Der Komplex wirkt riesig, obwohl er gar nicht so groß ist. Es sind diese verschachtetelten Ebenen und die Hanglage; keine Beuzgspunkte, keine rechten Winkel. Eine Ebene endet als Gallerie, eine andere bildet eine Brück auf die andere Seite des Innenhofes. Selbst im 5F gibt es Bäume. Der Architekt hat ganze Arbeit geleistet. Der Begriff „Erdgeschoß“ ist ausgehebelt. Der Abend endet im 54F des Mori Tower mit Blick über Tokyo.


Wichtiger Tip für ganz Japan: Tempel, Schreine, Museen und Gärten schließen gegen 17 Uhr, manche etwas früher, andere etwas später. Egal wie ihr Tagestouren plant, bis dann müßt ihr durch sein.

Tokyo / Fußmarsch am Tag 1

Bin erstaunlicherweise schon um 7 Uhr wach (0 Uhr MESZ). Keine Ahnung wie ich das gemacht habe. Das Futon ist nahe dran an meinem Bett zu Hause. Sehr bequem. Schnell japanisch duschen und zum Frühstück. Es wird eine europäisch, japanische Mischung: eingelegtes Gemüse, Misosuppe, Reise, Brötchen, Kaffee und Marmelade von Kraft. Das ist weniger ein Experiment als vielmehr ein Backuplan, falls das japaniche Frühstück nicht mein Fall ist.

Die Wettervorhersage sagt 31 Grad voraus. Die Bewölkung soll in den nächsten Tagen zunehmen. Also ist heute der große Tokyo-Rundgang. Der Plan ist:
Ueno-Park — Nezu Jinja — Shinjuku — Meiji Shrine — Shibuya

Ueno-Park. Hier soll die Reise starten. Ich war gestern schon mit Koffern hier. Zwei riesige Teiche. Der eine komplett zu mit Seerosen, oder sowas. Am Ende steht ein kleiner Tempel. ich sehe auch eine Pagode, aber irgendwie ist ein Zaun im Weg.[Nachtrag: Das hier war gar nicht der Ueno-Park. Das stelle ich aber erst 2006 fest.]

Der erste Tempel. Ich laufe nach Norden durch kleine Gassen. Die Farbe grün kommt nur in kleinen Blumentöpfen vor, die auf dem Gehweg stehen. Die japanische Version eines Vorgartens? Naja, viel Platz ist nicht. Dann der erste Tempel, oder Schrein? Ein alter Holzbau auf einer leeren Fläche. Ein Zaun, dahinter der Spieplatz eines Kindergartens.

Nezu Jinja. Ich habe die Strecke auf der Karte unterschätzt. Aber hier muß ich wohl abbiegen. Japp. Hier ist der Eingang. Wow. Ein Wald in Tokyo. Davor ein rotes Tor. Ich trete ein und vergesse fast sofort, daß ich in einer Millionenmetropole bin. Der Weg führt zwischen Bäumen hindurch auf einen breiteren Weg. Hab wohl den Nebeneingang genommen. Vor mir ein kleiner Shinto-Altar mit Glocke. Links auf einer Anhöhe dutzende kleine Torii in leuchtend rot-orange. Ich gehe durchsie hindurch. Muß den Kopf einziehen. Vorbei an kleine Büschen führt der Weg zu einem Teich. Über die Brücke gelange ich auf einen großen Sandplatz. Hier steht ein großes Mon. Ein Tor mit ausladendem Dach. Dahinter ein weiterer Platz und eine Halle. Alles ist in dunklem rot. Ich bin beeindruckt. Der Reisefüher hat nicht zu viel versprochen.

ToDai. Der Weg führt mich an der Tokyo Universität (TokyoU oder ToDai genannt) vorbei. Das Gelände ist edel. Ein rotes Tor und man steht auf elitärem Boden. Wie in Irland betritt man eine andere Welt. Tokyo ist draußen. Viele Gebäude haben gotische Stilelemente.  Ein riesiger Dojo für Kendo und Karate. Dahinter ein Park mit Teich und einem kleinen Wald. Das alte Audimax, Wahrzeichen der Uni.

Tokyo Dome. Der Weg führt weiter in Richtung Tokyo Dome. Ich sollte mal zu Hause anrufen und sagen, daß alles ok ist. Die öffentlichen Telefone sind wirklich grün. Und ich bin zu blöd, sie zu bedienen. Ich kriege keine Verbindung hin. Merke, daß nicht jedes Telefon für internationale Gespräche ausgelegt ist. Ich brache zudem eine Telefonkarte. Also ab in das Hotel und zu fragen. Ich wollte nur fragen wo man die Karten kriegt und das passende Telefon findet. Beides im Hotel, so die Antwort. Dennoch schaffe ich es nicht über das Freizeichen hinaus. Ich brauche Hilfe; und lerne: 0049 ist nicht unbedingt die richtige Vorwahl für Deutschland. Das hängt von der Telefongesellschaft ab. Oft braucht man eine Spezielle Vorwahl vor der Vorwahl. Dann klappt es doch noch mit dem Anruf. Grüße in die Heimat, wo es jetzt 21 uhr sein dürfte.

Iidabashi. Jetzt die Straße hinunter und dann dem Flußlauf folgen. Und der Hauptstraße entland. Über dem Flußlauf, auf Stelzen, ist die Autobahn. Der Weg wird immer länger. Die Hitze immer schlimmer. Ich passiere das japanische Verteidigungsministerium. Verdammt, dann habe ich den Yasukuni-Schrein verpaßt. Aber ich habe keine Motivation zurück zu laufen. Shinjuku ist das Ziel. Kurz bevor ich da bin stoppe ich noch bei einem Tempel, der rechts in zweiter Reihe liegt. Die Straße geht jetzt etwas bergab. Gut.

Shinjuku. Das Chaos nimmt zu. Ich nähere mich der Bahnstation Shinjuku. Um diesen Bahnhof herum pulsiert Tokyo. Geschäfte, Kneipen, Büros und Verkehr. Alles auf engstem Raum, teilweise übereinander. Hinter dem Bahnhof die Skyline von Shinjuku mit dem markanten Twin Tower. Es ist das höchste Rathaus der Welt. Imposant. Ich steure durch die Hochhäuse, diese Bürotürme, hindurch darauf zu. Die Straße führt unter (!) dem Gebäude durch. Wow. Über mir sind jetzt 50 Stockwerke aus Stahl und Beton. Aber wo ist der Eingang. Die Türme sollen ein Aussichtsplatform haben. Ich stehe auf der Rückseite. Besser. Von hier aus habe ich keine Gegenlicht. Hinter dem breiten Weg ein Park. Haut mich jetzt nicht vom Hocker.

Meiji Jingu. Ich verlaufe mich. Versuche mich am Expressway, der Autobahn auf Stelzen, zu orientieren. Unter ihr hindurch. Hier sollte der Eingang sein. Geschlossen? Wie jetzt? Das Tor ist zu. 16:30 Uhr wird zu gemacht. Sch*** Es ist bereits 17 Uhr. Damit hatte ich nicht gerechnet: Weder daß es so spät ist, noch daß der Schrein so früh geschlossen wird. Ich ärgere mich. Also um den Schrein herum nach Shibuya. Über mir ist der Expressway, die Autobahn. Hier unten stehen Wohnhäuser; nicht nur zweitklassige Mietbunker. Einfamilienhäuser. Sie stehen teilweise unter dem Expressway. Nicht zu fassen.

(Weiter geht es im zweiten Teil … Versprochen, die nachfolgenden Blogs werden kürzer. Aber heute sind so viele Eindrücke auf mich eingebrochen, habe nicht einmal alle verdaut.)