Kabuki, die urjapanische Form des Theater, kombiniert Gesang, formalen Tanz aus dem Noh und Pantomime. Es hat große Ähnlichkeit mit Noh ist aber weniger formell, da es im Gegensatz zu Noh zur Unterhaltung der Massen gedacht war. Seit 2008 ist auf der UNESCO immaterielles Kulturerbe der Menschheit.

Ungeachtet der Ableitung des Worten Kabuki von kabuku, lesen sich die Kanji 歌舞伎 einzeln als „Gesang“, „Tanz“ und „Fertigkeit“, also die Kunst von Gesang und Tanz.

Der Vergleich mit westlichen darstellenden Künsten ist schwer, da es kein Äquivalent gibt. Theaterstücke waren Ganztagsveranstaltungen über mehrere Stunden und ein gesellschaftliches Ereignis. Hier ein paar der Besonderheiten von Kabuki, das es von westlichen Theater unterscheidet:

Die Schauspieler
  • Frauenrollen: Alle Rollen werden von Männern gespielt. Schauspieler, die sich auf weibliche Rollen spezialisiert haben, werden Onnagata (女形) genannt. Die Spezialisierung ist notwendig, da in Japan Frauen andere Bewegungen/Gesten, anderes Vokabular und eine andere Sprachmelodie haben. (Bei den Männerrollen gibt es den harten Aragoto-Stil und den weichen Wagoto-Stil.)
  • Gesten und Bewegungen: Sie sind oft übertrieben und teilweise stilisiert.
  • Die Sprache: Die Sprechweise ist sehr gewöhnungsbedürftig. Einzelne Silben werden lang gezogen. Die Stimmhöhe variiert bis ins Falsett. Es ist schwer zu verstehen, selbst für moderne Japaner.
  • Das Make-up (Kumadori): Basis ist ein komplett weißes Gesicht. Farbige Streifen unterstreichen die Linien des Gesichtes. Die Farbe symbolisiert den Charakter der Figur:
    • Rot = Passion, Heldentum, Aufrichtigkeit, Positives
    • Blau, Schwarz = Verschlagenheit, Hinterhalt, Neid, Negatives
    • Grün = übernatürliche Wesen
    • Violett = noble Herkunft
  • Mie (見得): Der Blick. Es ist eine Technik, um die Dramatik zu erhöhen. Der Schauspieler nimmt mit großen Gesten eine bestimmte Pose ein. Finale ist ein leichtes Wackeln des Kopfes mit klarem Blick geradeaus in der Pose. Dann bleibt er für ein paar Sekunden bewegungslos stehen.
  • Kostüme: Die Kostüme in den historischen Stücken sind extrem aufwendig. Große, ausladende Kimono.
Die Bühne
  • 花道 .. Hanamichi: Der Blumengang ist Teil der Bühne und reicht in den Zuschauerraum. Er ist etwa 1m breite und reicht bis zur Rückseite des Zuschauerraums. Er erlaubt dem Schauspieler einen dramatischen Auftritt oder Abgang. Teilweise finden sogar ganze Szenen auf dem Hanamichi statt. Zudem fühlen sich die Zuschauer in die Handlung eingebunden, da diese inmitten ihnen stattfindet.
  • Das Orchester: Die Musiker sitzen oft mit auf der Bühne und sind in das Bühnenbild integriert.
  • Drehbühne (Mawari-butai) und Aufzüge (Seri): Diese wurden bereits im 18. Jahrhundert Teil des Kabuki. So konnte die Szene gewechselt werden, sei es um verschiedene Orte oder eine Reise darzustellen. Die Aufzüge sorgen für dramatische und unerwartete Auftritte und Abgänge inmitten der aktuellen Szene. Aufzüge wurden auch eingesetzt, um Teile des Bühnenbildes zu bewegen. In Kotohira ist eine solche Bühne von 1835 noch heute in Betrieb; nur die Rollenlager wurde gegen moderne Versionen ausgetauscht.
  • Chunori: Seit dem 19 Jahrhundert fliegen Darsteller über dem Auditorum. Hierzu ist ein Seilzug von der Bühne zur hinteren Seite des Zuschauerraums gespannt und endet der im Obergebschoss. Der Seilzug ist oft oberhalb des Hanamichi.
  • Vorhang: Der Vorhang ist einteilig und wird von Hand auf- und zugezogen. Die Vorhang ist traditionell schwarz, rot und grün gestreift. Selten sieht man weiße Streifen anstelle von grün.
  • Doncho: Der äußere Vorhang (Doncho) kam erst in der Meijizeit auf und ist ein Einfluss aus dem Westen. Dieser Vorhang zeigt ein Motiv passend zur Jahreszeit, in der die Handlung spielt.
Besonderheiten während der Aufführung
  • Kuroko (黒子): Vollständig in Schwarz gekleidete Assistenten sind teilweise in der Szene zu sehen und reichen Requisiten, ändern das Bühnenbild oder die Gaderobe der Darsteller. Im Japan gelten diese schwarzen Personen als unsichtbar, obwohl sie mitten im Bühnenbild stehen.
  • Hiki Doku: Kleine Wagen werden benutzt, um das Bühnenbild zu verändern oder zu ergänzen, während der Vorhang offen ist und das Stück läuft. Teilweise mitten in einer Szene.
  • Hikinuki unf Bukkaeri: Wenn die wahre Natur eines Charakters offenbart wird, geschieht dies oft durch einen schnelles Wechsel des Kostüms. Hierzu werden oft zwei Kostüme übereinander getragen, und das obere wird von Kuroko blitzschnell entfernt. Hierdurch vollzieht sich die Verwandlung lief vor den Augen der Zuschauer.
  • Zwischenrufe: Während der Aufrufe rufen Zuschauer immer wieder die Namen von Schauspielern. Oft wiederholen diese dann ein Teil der aktuellen Szene und das gerade ausgeführte Mie. Achtung: Die Zwischenrufe sind immer gut getimt und unterbrechen das Spiel nie an einer unpassenden Stelle; also nicht probieren.
Schauspieler

Die Schauspieler stammen oft aus Familien mit langer Tradition. Posen, Makeup, Gesten sind Teil der Familientradition und werden von früher Kindheit an gelernt. Gleiches gilt für Onnagate-Rollen.

Alle Schauspieler tragen, ähnlich wie Sumoringer, Künstler-/Bühnenname unter den sie bekannt sind. Der Name wird oft vom Vater übernommen und so über Generationen weitergereicht und ist daher bedeutend und ruhmreich. Der Name ist verknüpft mit einzelnen Rollen und Acting Styles. Der Schauspieler übernimmt nicht nur den Namen, sondern auch alles wofür er steht.

Shumei (襲名) ist die Zeremonie in der ein Schauspieler seinen Bühnennamen erhält.

Schauspieler können den Bühnennamen wechseln. Mit dem neuen Namen übernehmen sie die Tradition dieses Namen, was ein neues Kapitel in Ihrer Karriere startet.

Geschichte

Begründet wurde Kabuki 1603 im Kitanoschrein, Kyoto durch mehrere Miko. Der Tanz basierte auf dem religösen Nembutsu Odori, angereichert um obzöne Gesten und Bewegungen. Das Wort Kabuki leitet sich von „kabuku“ ab, was frei übersetzt „schockierend, bizarr“ bedeutet. Kabuki erlangte schnell Popularität und viele Kabuki-Gruppen entstanden. Kabuki waren ganztägige Veranstaltungen und die erste Popkultur Japans.

Kabuki war neben aktuellen Themen und aktueller Mode immer auch mit Prostitution verknüpft und die Stücke oft „erotisch aufgeladen“. 1629 wurden Frauen daher auf der Bühne verboten. Männer spielten nun Männer- und Frauenrollen. 1652 wurde auch jungen Männern das Kabuki untersagt, da auch diese für Prostitution zur Verfügung standen. Kabuki war zudem ein Quelle für Rowdytum und Trunkenheit.

Ende des 17. Jahrhundert wechselte der Repertoire von Tanz zu Drama. Das goldene Zeitalter brach an: Der Aufbau der Stücke wurde formalisiert, die heute noch gezeigten Charaktere und Stilemelente wie Mie und Kumadori entstanden. In dieser Zeit kamen auch Einflüsse und Stücke vom Bunraku ins Kabuki.

Mehrere Feuer im 19. Jahrhundert dienten dem Shogunat als Vorwand, die Kabuki-Theater aus der Innenstadt zu verbannen. Im Fokus stand weniger der Brandschutz, sondern die Kontakte zwischen Künstlern, Prostituierten, Händlern und anderen Bürgern. In Edo wurde das Theater nach Asakusa verlagert. Weitere Reglementierungen ließen das Kabuki in den Untergrund verschwinden. Die Saruwakamachi mit dem Nakamura-za, dem Ichimura-za und dem Kawarazaki-za wurde der neue Theaterdistrikt. Claude Monet und anderen europäische Künstler wurden während dieser Zeit auf Kabuki und Uki-e aufmerksam. Leider ging die Tradition von Kostümen, Makeup und Geschichten in dieser Zeit teilweise verloren.

Mit Beginn der Meiji-Ära 1868 kehrte der Kaiserhof von Kyoto zurück nach Edo (Tokyo). Auch Kabuki kehrte zurück und zeigt teilweise radikal moderne Ansätze und Stile. Der kulturelle westliche ausgerichtete Wandel in der Gesellschaft spiegelte sich im Kabuki wieder. Im Prinzip war es das Interesse des Westen am Japanischen, was das traditionelle Kabuki retten sollte. Denn dies bewegte den Kaiser dazu am 21.04.1887 eine Aufführung zu sponsoren.

Nach WWII war Kabuki kurz wegen seiner Unterstützung der Kriegsbemühungen Japans verboten. Das Verbot wurde aber bereits 1947 wieder aufgehoben. Dennoch hatte es Kabuki schwer, da die Stücke zu sehr die alten Ideale predigten. Alte Stücke mussten neu aufgesetzt und interpretiert werden. Nakamura Senjaku war der wichtigste Schauspieler dieser Zeit, die auch „Zeitalter von Senjaku“ genannt wird.

Heute ist Kabuki Bestandteil des japanischen Kulturprogramm wie bei uns das Theater. Es ist präsent und hat seinen berechtigten Platz im Kanon der darstellenden Künste. Kabuki hat es in die Popkultur (Anime) geschafft. Es gibt sogar Kabukigruppen mit Frauen für Onnagata-Rollen und reine Frauengruppen (Debüt in 1953). Seit 1975 gibt es Kopfhörer, die das Stück erklären oder einfach nur das gesprochene Wort wiedergeben. Seit 1982 gibt es diese Hilfe auch in Englisch. Kabukigruppen gehen auf internationale Turneen. Kabuki adaptiert Stücke von Shakespeare. Westliche Autoren schreiben Kabukistücke. Und Kabuki versucht sich an aktuellen/modernen Themen.


Das Stück

Es gibt drei Arten von Kabukistücken:

  • 時代物 .. Jidaimono: Die sind klassische Stücke mit historischen Themen; meinst aus vor der Sengokuära. Die Handlungen hatten die Samurai als zentrales Thema.
  • 世話物 .. Sewamono: Stücke von nach der Sengokuäre, mit bürgerliche Themen. Samurai rückten aus dem Fokus; Handwerker, Händler, Bauern waren jetzt Zentrum der Handlung.
  • 所作事 .. Shosagoto: Tanzstücke

Jidaimono: Die Kategorie entstand durch das Verbot von akutellen (und kritischen) Themen. Die meisten Handlungen spielen in der Zeit der Gempai-Kriege (um 1180) und Nanbokucho-Krieg (um 1330). Autoren umgingen die Zensur, indem sie aktuelle, kritische Themen einfach in diese Zeit verlagerten. Beispiel hierfür ist das Stück Kanadehon Chuushingura: Es spielt in den 1330ern, hat aber die Rache der 47 Ronin (aus dem 18. Jahrhundert) als Basis.

Sewamono: Diese Stücke fokussierten in Drama und Romanzen der einfachen Bevölkerung (nicht-Samurai) der Stadt. Der romantische Doppelselbstmord eines Liebesbeziehung, die in diesem Leben aufgrund äußerer Umstände nicht bestehen darf, entstand in diesen Stücken.

Randnotiz: Das Stück „Sonezaki Shinju“ (Doppelselbstmord aus Liebe) wurde 1723 verboten, da es zu viele reale Nachahmner gab. Auch heute noch ist diese Thema in der Jugendkultur aktuell und findet immer wieder Opfer.

掛け声 .. Kakegoe: Während das Stück läuft, rufen Zuschauer den Bühnennamen des Schauspielers und den Yago (屋号, Namen von Schaustellerfamilie). Es ist ein Zeichen von Bewunderung und Feedback für den Zausteller, das seine Peformance dem Publikum gefällt. Höchstes Kompliment ist das Kakegoe des Namen des Vaters des Schauspielers. Hierbei muss man wissen, dass Kabuki eigentlich immer eine Familientradition oft über mehrere Generationen ist.

Aufbau eines Kabukistückes

Kabuki war und sind, anders als westliches Theater, Ganztagsveranstaltungen. Das führende Konzept ist  Jo-Ha-Kyu (序破急): starte langsam; beschleunige immer weiter und beende es schnell.

Die Handlung ist in 5 Akte geteilt: Jo nimmt die ersten beiden Akte ein, stellt die Charaktere und den Plot vor. Ha übernimmt den dritten und vierten Akt. Im dritten Akt ist meist ein Moment von großem Drama oder Tragödie; ein Kampf ereignet sich oft während des vierten Aktes. Der fünfte und letzte Akt ist Kyu. Er ist der kürzeste Akt und schließt den Plot.

Die Quelle von Handlungen für Kabuki teilt sich in speziell geschriebenen Kabukistücken und Joruri (Adaption von Noh, Bunraku und Foklore), wobei die Kabukithemen mehr in Richtung Komik und (leichte) Unterhaltung tendieren und fokussiert auf den Schausteller. Joruri fokussiert hingegen auf Handlung und den Vortrag der Handlung. Die Handlungen wurde daher oft verändert.

Es gibt Unterschiede zwischen Edo und Kamigata (Osaka-Kyoto-Region). Edo-Kabuki war extravagant, bunt, schrill und geagt. Kamigata blieb natürlicher und realistischer. Um 19. Jahrhundert gab es eine gegenseite Beeinflussung, aber der prinzipielle Unterschied blieb bestehen.

Wichtige Theater in Japan
  • Tokyo: Kabuki-za (das neue Gebäude eröffnete 2016), Meiji-za, Shinbashi Enbujo, the National Theater
  • Kyoto: Minami-za
  • Osaka: Shin Kabuki-za, Shochiku-za
  • Fukuoka: Hakata-za
  • Kotohira: Kanamaru-za; das älteste Kabuki-Theater Japans von 1835
  • Akita: Kosaka
  • Nagoya: Misono-za
[Stand 06/2017]