{"id":5076,"date":"2004-09-30T22:22:31","date_gmt":"2004-09-30T20:22:31","guid":{"rendered":"http:\/\/seidenpriester.wordpress.com\/?p=5076"},"modified":"2019-05-30T11:50:47","modified_gmt":"2019-05-30T10:50:47","slug":"hiroshima-okonomiyaki","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.seidenpriester.de\/?p=5076","title":{"rendered":"Hiroshima \/ Okonomiyaki"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Fr\u00fchst\u00fcck den Fernseher konsultiert: 19 Tote, 20 vermi\u00dft, 91 verletzt. In Ise fielen 121 Litere Regen innerhalb weniger Stunden. Einige Bahnlinien in der Umgebung sind gesperrt, Br\u00fccken eingest\u00fcrzt. Gut da\u00df heute ein Fu\u00dfmarsch durch Hiroshima auf dem Plan steht. Das Wetter ist bombig. Die NATO-Br\u00e4une der letzten Tage macht sich bemerkbar. Hiroshimas Sehensw\u00fcrdigkeiten sind in einem Quadrat angeordnet. Da sollte ein Tag reichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sehensw\u00fcrdigkeiten hier in Hiroshima sind fast in einem Quadrat angeordnet und in ihrer Anzahl \u00fcbersichtlich.Wie praktisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Shukkeien.<\/strong> Mein erster Stop ist der japanischen Garten hinter dem H\u00e4userblock mit meinem Hotel. Ein sehr sch\u00f6ner Garten mit all den Elementen: Rasenfl\u00e4che, ein gro\u00dfer See mit Inseln, ein Wald, ein Gebirge, ein Flu\u00dflauf aus dem Gebirgen in den See. Ich laufe die verschiedenen Wege und entdecke immer wieder neue Motive und Perspektiven. Ich mu\u00df mich echt mit der Kamera zur\u00fcckhalten, sonst ist das Filmmaterial hier schon weg. Ich entdecke Schildkr\u00f6ten, die sich am Ufer sonnen. Ein Blick \u00fcber das Wasser. Hier springen Karpfen. Ich bin fast 90 Minuten hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hiroshima Castle.<\/strong> Viel steht nicht mehr, daf\u00fcr stand sie zu nach am Ground Zero. Aber einige Mauern, ein Eckturm und das Tor wurden rekonstruiert. Ebenso die Burg selbst. Aber alle Nebengeb\u00e4ude sind weg. Neben dem Eingang zur Burg steht ein Baum. Gesund sieht er nicht aus. Das Schild verr\u00e4t, da\u00df er die Atombombe \u00fcberlebt hat und immer noch steht. Weiter geht es durch den Chuopark zum Atombomb Dome.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis hier ist Hiroshima eine japanische Stadt wie jede andere. Sie ist kleine als Oosaka und Tokyo und wirkt daher etwas ruhiger. Es fehlen eindeutig die Skyscraper. Die meisten Geb\u00e4ude kommen \u00fcber 10 Stockwerke nicht hinaus. (F\u00fcr L\u00fcbecker: Damit sind fast alle Geb\u00e4ude hier so hoch wie das Beh\u00f6rdenhochhaus am Berliner Platz. Die H\u00f6he ist hier Standard. Nur so nebenbei erw\u00e4hnt.) Eines f\u00e4llt aber auf. Es gibt hier mehr B\u00e4ume. Ich bin vorhin eine Stra\u00dfe entlang gelaufen, die wie eine deutsche Allee auf beiden Seiten B\u00e4ume hatte, die Schatten spenden. Und&#8230; ich habe sogar einen M\u00fclleimer gesehen. Viele werden sagen &#8222;na und?&#8220;. Aber dieses hier ist der erste M\u00fclleimer, der nicht auf einem Bahnsteig oder neben einem Getr\u00e4nkeautomaten stand. In der Tat, bisher bin ich an keinem &#8222;herrenlosen&#8220; M\u00fclleimer vorbeigegangen; weder in Tokyo noch in Oosaka.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe jetzt an der <strong>Aioi-dori<\/strong>. Hier f\u00e4hrt eine Stra\u00dfenbahn. Sie wirkt wie aus einer anderen Zeit, bin ich bisher doch nur U-Bahnen, Monorails und Shinkansen gefahren. Es ist fast ein Statement f\u00fcr Gem\u00fctlichkeit. Rechts ist die <strong>Aioi-bashi<\/strong>, die T-Br\u00fccke, die das Ziel der Bomberpiloten war. Sie ist damals stehen geblieben. Als Ingenieur beeindruckt das. Durch die B\u00e4ume sehe ich auf der anderen Stra\u00dfenseite den <strong>Atom Bomb Dome<\/strong>. Jetzt stehe ich am Ground Zero des ersten Atombombenabwurfes. Alles wirkt normal hier, w\u00e4re da nicht dieses Skelett eines Geb\u00e4udes, da\u00df an 1945 erinnert. Man braucht etwas, bis diese Info vom Gehirn verarbeitet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Atom Bomb Dome vorbei \u00fcber eine Br\u00fccke gelange ich zum <strong>Peace Memorial Park<\/strong>. Nur ich &#8230; und hunderte Schulkinder. &#8222;Hello, My name is &#8230; I am from &#8230; What&#8217;s your name? Where do you come from?&#8220; Erst waren es nur drei Kinder, aber nachdem ich die ersten Fragen beantwortet habe, werden es immer mehr. Vom Alter her sind sie h\u00f6chsten in der 5. oder 6. Klasse. Daf\u00fcr sprechen sie verdammt gutes Englisch. Und einfach so auf Fremde \/ Ausl\u00e4nder zugehen, ich glaube, das habe ich mich damals nicht getraut. Ich mu\u00df meinen Namen und mein Land in eine Liste eintragen. Welche Lehrerin denkt sich sowas f\u00fcr einen Schulausflug aus? Beeindruckt hat mich folgende Begebenheit: Ich habe Deutschland in die Liste geschrieben, nicht Germany (mit Absicht, ich wollte das Wort nehmen was wir Deutschen selbst verwenden, quasi als Bonus). Das Wort kennen die kleinen nicht. Also sage ich &#8222;Doitsu&#8220;. &#8222;Ah, Doitsu&#8220;, die kleinen rollen eine Weltkarte aus. Ein kleiner Punkt wird auf Deutschland geklebt. (Der erste. Frankreich hat schon drei.) Die kennen anscheinend alle europ\u00e4ischen L\u00e4nder, denn lange gesucht haben sie Deutschland nicht. Wow&#8230; Es scheint als w\u00e4ren mehrere Gruppen unterwegs und nur wenige Ausl\u00e4nder. Ich bin umringt von Kindern. Alle beginnen ihren Satz mit &#8222;Hello, my name is &#8230;&#8220; Ich komme mir vor bei Baseballstar, der Autogramme verteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach etwa einer halben Stunde gelingt mir mit Hilfe der Lehrerin die Flucht; nicht ohne zuvor zig Mal fotografiert zu werden. Merke: Um Schulklassen einen Bogen machen. Es geht am <strong>Cenotaph<\/strong> und am <strong>Mahnmal f\u00fcr die Kinder<\/strong>, die 1945 umgekommen sind, vorbei. Hier stehen Vitrinen mit hunderten Origami-Kranichen. Ich stehe vor dem <strong>Peace Memorial Museum<\/strong>. Unten im Eingang, zwei Uhren. Eine zeigt die Uhrzeit seit dem Abwurf der Bombe an, die andere die Zeit seit dem letzten Test. Hier im Museum steht auch die Originalkuppel vom Atom Bomb Dome. Die Exponate und Fotos sind drastisch und machen einen nachdenklich: ineinander verschmolzene Keramikschalen, Stahltr\u00e4ger verbogen wie Knetgummi, eine Betonwand mit Glassplittern im Beton (!), ein Foto von einer Treppe mit einem Schatten. Der Schatten war ein Mensch, &#8230; Aus dem Mueeum hat man einen Blick auf dem gesamten Peace Memorial Park. Dahinter sieht man den A-Bomb Dome.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor meine Stimmung in Depression umschl\u00e4gt geht es weiter, die Heiwa Odori entlang. Von der Stra\u00dfe hatte ich mir mehr versprochen, keine Ahnung wieso. Aber es einfach nur eine breite Stra\u00dfe. Mein Ziel ist auch vielmehr der Hijiyama-Park. Hinter der Tsurumi-bashi entdecke ich den Schriftzug &#8222;okonomiyaki&#8220;. Zugegeben, ich kann ur das O und das mi lesen. Der Rest ist Kanji. Aber ich habe mir den gesamten Schriftzug gemerkt. Stimmt, da war was. Es ist die Spezialit\u00e4t hier in Hiroshima. Der Laden ist sehr klein. H\u00f6chstens 3 G\u00e4ste und der Koch, in diesem Fall eine \u00e4ltere Oma. Sie spricht kein Wort Englisch. Aber die Bestellung kriege wir trotzdem auf die Reihe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hiroshima Okonomiyaki<\/strong> beginnt mit dem anbraten von Nudeln, parallel Eierteig anbraten. Nudeln auf den Teig, Kohl und Fleisch dazu. Ein Ei anbraten und den Teigblock auf das Ei wenden. Weiter braten und ein paar Mal drehen. Bulldog-So\u00dfe, Seetang, Fischsp\u00e4ne. Fertig. Erstaunlich wie lecker diese schr\u00e4ge Mischung ist. Ach ja, gegessen wird mit St\u00e4bchen. Als Hilfe gibt es einen kleinen Spatel, mit dem man den Pfannkuchen in kleine St\u00fccke teilen kann, die dann mit St\u00e4bchen gegessen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Frau betritt den Laden. Ich vermute, die Tochter der alten Dame. Kurz werden die wichtigen Infos ausgetauscht und danach ich in das Gespr\u00e4ch eingebunden. Alle Eckdaten meiner Reise (aus Deutschland, 4 Wochen Urlaub, Reise alleine) werden mit einem &#8222;sugoi&#8220; zur Kenntnis genommen. Es kommt ein wenig Konversation zustande.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einem Abschiedssfoto geht es den Berg rauf. Von hier oben hat man ein gute, wenn auch nicht umwerfende Aussicht. Ich sehe einen Wegweiser zum <strong>Radiation Effect Research Center<\/strong>. Die k\u00f6nnen zumindest beantworten, ob es heute noch eine me\u00dfbare Reststrahlung gibt. Allerdings l\u00f6st meine Frage an der Rezeption ein kleines Chaos aus. Der zweite Chef des Instituts wird geholt. Ich soll kurz warten. Es wird mir Kaffee angeboten. Am Ende unterhalten wir uns eine dreiviertel Stunde \u00fcber die Folge des Bombenabwurfes und die Arbeit des Instituts. Zum Abschied gibt es den aktuellen Jahresbericht und eine Visitenkarte. Das ist Japan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e4chster Stop, eigentlich nur, weil es hier auf der Ecke ist und das Geb\u00e4ude in dem Buch \u00fcber moderne Architektur in Japan berichtet wurde, das <strong>Museum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst<\/strong>. Ich bleibe dabei. Ich habe f\u00fcr Kunst kein Verst\u00e4ndnis. \u00dcberhaupt nicht mein Ding. So gar nicht. Es ist noch etwas Zeit, als ich meine Rundreise am Bahnhof endet. Also noch schnell zum <strong>Toshugu Schrein<\/strong> und von hier den Berg hinauf. Ich sehe viele kleine Torii und leider auch Stufen. Am Ende lande ich bei gesch\u00e4tzten 100 H\u00f6henmetern, \u00fcber 470 Stufen und 30 Torii. Letztere sind f\u00fcr Europ\u00e4er ein St\u00fcck zu klein und machen das Stufensteigen nicht einfacher. Danach f\u00fchrt ein Trampelpfad weiter zur Peace Pagode.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztes Ziel ist es \u00fcber den Berg zum Tsuruhane Schrein. Nur leider komme ich vom rechten Weg ab. Zu meiner Verteidigung mu\u00df ich sagen, da\u00df es nie einen Weg gab. Eher eine Schneise im Unterholz. Es geht \u00fcber B\u00e4ume, einen Hang hinunter. Umdrehen ist nicht mehr. Ohne Weg gibt es auch keinen richigen R\u00fcckweg. Zudem f\u00e4ngt es an zu d\u00e4mmern. Jetzt wird es brenzlig. Irgendwann bin ich runter auf die H\u00f6he von Hausd\u00e4chern. Mal sehen wo es noch tiefer geht. Ich hoffe auch, da\u00df ich nicht durch einen Garten mu\u00df. W\u00e4re etwas bl\u00f6d zu erkl\u00e4ren. Dahinten ist ein Weg, ich mu\u00df nur noch dieses Spinnennetz samt Spinne beseitigen. Giftgr\u00fcn und mit Beinen etwa Handteller gro\u00df. Uargh. Nachdem dieses Problem entsorgt ist und ich wieder einen gepflasterten Weg unter den F\u00fc\u00dfen\u00a0 habe, ist es ganz einfach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt erst einmal ins Hotel duschen. Jetzt kommt der gem\u00fctliche Teil. Zuerst einen Streifzug durch das Shoppingcenter am Bahnhof. Hier finde ich ein Shogibrett. Umgerechnet 18\u20ac und damit die H\u00e4lfte des deutschen Preises. Das wird morgen geshoppt. Weiter geht es zum Amusement District. Der Rundgang endet mit Kaffee und Kuchen im KoHiKan. Morgen steht Miyajima auf dem Plan. Ich hoffe, da\u00df nach Taifun 16 und 21 (gestern) etwas \u00fcbrig ist, da\u00df ich besichtigen kann. Die Flut ist um 11 Uhr, also sollte ich zeitig los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit:<\/strong> Das erste Mal, da\u00df ich meinen kompletten Tagesplan durchgezogen habe. Dann war die Autogrammstundeim Park. Das Gespr\u00e4ch am Research Center war zwar so nicht geplant, aber definitiv ein erw\u00e4hnestes Highlight. Ganz oben auf des Liste des heutigen Tages steht aber das Okonomiyaki und die alte Alte. Das ist eine Urlaubserinnerung die man weder erzwingen noch wiederholen kann. Einmalig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Randnotiz:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Es gibt keine M\u00fclleimer. (Ausnahme: direkt neben Getr\u00e4nkeautomaten und auf Bahnsteigen.)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Es gibt keinen M\u00fcll auf den Stra\u00dfen; nicht einmal Zigarettenkippen; auch keine Kaugummiflecken.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Schulkinder tragen fast immer Schuluniform.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Kinder im aus dem Kindergarten erkennt man an der gelben M\u00fctze.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Reisegruppen haben einen kitschigen Sticker an der Jacke.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die Reiseleiterin eine Fahne mit dem gleichen Logo.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Zeitgen\u00f6ssische Kunst ist nicht mein Ding.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Japanische Spinnen bauen dreidimensionale Netze.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Fr\u00fchst\u00fcck den Fernseher konsultiert: 19 Tote, 20 vermi\u00dft, 91 verletzt. 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