{"id":5001,"date":"2004-09-24T20:11:41","date_gmt":"2004-09-24T18:11:41","guid":{"rendered":"http:\/\/seidenpriester.wordpress.com\/?p=5001"},"modified":"2019-05-30T11:52:28","modified_gmt":"2019-05-30T10:52:28","slug":"der-zweite-marsch-durch-tokyo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.seidenpriester.de\/?p=5001","title":{"rendered":"Tokyo \/ Der zweite Marsch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin die letzten beiden Tage zu viel gelaufen. Meine F\u00fc\u00dfe sind platt. Und ich habe einseitig Sonnenbrand. Der mu\u00df von vorgestern sein. Ich bin fast immer nur in Richtung Westen gelaufen. Heute ist der zweite Marsch durch Tokyo. Dieses mal nehme ich aber die U-Bahn und morgen geht es mit dem Shinkansen nach Oosaka. Da habe ich etwas Erholung. Auf meiner heutigen Liste stehen: Kaiserpalast, Meiji Outer Shrine, Shinjuku Gyoen, Tokyo Tower, Zojiji, Ginza.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ostgarten ist geschlossen. Zu dumm. Also laufe ich einmal um das Palastgel\u00e4nde herum. Der Weg ist an sich langweilig. Hier gibt es nicht zu sehen. Ein kleiner Park im Norden, dann die Takebashi, ebenfalls geschlossen. Weiter geht es auf der S\u00fcdseite um das Gel\u00e4nde herum. So langsam begreife ich, wie gro\u00df das Areal ist, wie hoch die Mauern sind. \u00dcberall Kameras. Links an der Mauer ist es gr\u00fcn. Rechts auf der anderen Stra\u00dfenseite stehen Hochh\u00e4user. Der B\u00fcrobereich Kasumigaseki. Ich betrete den Platz vor der Br\u00fcck <strong>Nijubashi<\/strong>. Es ist ein Postkartenmotiv. Vor der Br\u00fccke eine riesige Bank und professionelle Fotografen. Man war nicht in Tokyo, wenn man nicht von sich und der Nijubashi ein Foto hat. Ohne die Kirschbl\u00fcte scheint aber etwas zu fehlen. Dennoch hat die Br\u00fccke was.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich drehe mich um. Das hatte ich nicht erwartet. Eben noch der Blick auf das Herz des alten Edo, sehe ich jetzt die moderne Skyline vom heutigen Tokyo. Entr\u00fcckt. Zwischen den H\u00e4usern und mir ist eine Fl\u00e4che mit grauem Schotter und ein Rasenstreifen mit B\u00e4umen. Es wirkt so aufger\u00e4umt und mit dem Hintergrund so unwirklich. Diese riesige leere Fl\u00e4che und dahinter dicht an dicht diese B\u00fcrot\u00fcrme. Da\u00df sich Tokyo so einen Leerstand erlaubt. Wow. Was mu\u00df dieser Parkstreifen wert sein. Ich erinnere mich an die Story aus der Zeit der Bubble Economy. Das Gel\u00e4nde des Kaiserpalastes hatte den gleichen Immobilienwert wie der US-Staat Kalifornien. Man braucht ein paar Sekunden. Ich bin eben um ein Grundst\u00fcck herumgelaufen, da\u00df Milliarden wert war. Was kostet dann wohl der Rasen unter einem dieser B\u00e4ume?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Stra\u00dfenseite liegt der <strong>Hibiya-Park<\/strong>. Ich hatte mir ehrlich gesagt etwas mehr erhofft. Es ist gr\u00fcn. Ein Teich mit Springbrunnen. Aber irgendwie europ\u00e4isch. Nach Reisef\u00fchrer gibt es in Kasumigaseki ein Hochhaus mit Aussichtsebene. Ich finde es nicht. Daf\u00fcr aber die U-Bahnstation. Von hier f\u00e4hrt die Chiyoda-Linie nach Harajuku, dem unteren Eingang zum Meiji-Schrein. Vielleicht hat er heute ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab in den <strong>Untergrund<\/strong>. Hier stehe ich vor dem Fahrkartenautomat wie der ber\u00fchmte Ochs&#8216; vorm Berg. Oben eine Karte mit dem Streckennetz. F\u00fcr jede Zielstation ein anderer Preis. Auweia. Ein Japaner hilft mir bei der Kartenauswahl. Eigentlich doch ganz einfach. Er hat auch noch einen Tip f\u00fcr mich: Lieber zu billig kaufen. Nachzahlen kann man am Ausgang. Das ist gut zu wissen. Am Zielort angekommen trennt mich nur noch eine Stra\u00dfe vom Schrein. <em>[Nachtrag: Was ich nicht wei\u00df ist, da\u00df linker Hand das Olympia-Gel\u00e4nde und hinter mir die Omotesando ist. Beide Orte sind f\u00fcr Architekten ein mu\u00df. Die Omotesande ist ferner die neue Ginza: Gucci, Armani, Boss, alle sind sie hier vertreten]<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg f\u00fchrt in ein Waldgebiet. Der L\u00e4rm von Tokyo weicht Bl\u00e4tterrauschen. Diese Schreine sind wirklich nicht Teil von Tokyo, scheint es. Der Weg f\u00fchrt an einem Regal mit Sakef\u00e4sern vorbei. Es sind Gaben f\u00fcr die G\u00f6tter. Der Weg selbst ist mit grauem Schotter bedeckt, \u00fcberall stehen Steinlaternen. Die B\u00e4ume sind riesig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Links geht es in einen Park. Kostet Eintritt und nicht gerade wenig. Ich habe keine Lust. Das Wetter ist auch nicht das Beste: Es ist wolkig; sieht nach Regen aus. Dann kommt der Schrein ins Blickfeld. Die Geb\u00e4ude sind aus schwarzem Holz. Es gibt keine bunten Verzierungen wie in Kamakura. Die Ende der Balken sind wei\u00df gestrichen. Einziger Kontrast zum Rest. Vielleicht wirkt deshalb alles so sakral. Ich schreite durch das Tor. Nicht ohne vorher die H\u00e4nde mit Wasser gereinigt zu haben. Das ist im Shinto brauch. Hand und Mund k\u00f6nnen B\u00f6ses tun und werden deshalb vor dem betreten gereinigt. Nebeneffekt: Es erfrischt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe auf einem gro\u00dfen Platz. Grauer Schotter. Wege sind markiert. Der Platz ist eingez\u00e4unt. Zwei gro\u00dfe B\u00e4ume stehen links und rechts der Haupthalle. Von hier kann man einen weiteren Platz sehen. F\u00fcr Besucher ist hier Schlu\u00df. Das Gebiet hinter der Absperrung ist nur den Priestern zug\u00e4nglich. Ich verlasse das zentrale Areal durch eines der Seitentore und laufe \u00fcber das Areal. Sch\u00f6n ruhig hier. Im Norden gibt eine Wiese mit Teich und einem weiteren Geb\u00e4ude. So weit ich das sehe wird hier Kyodo ge\u00fcbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ausgang im Nordosten sp\u00fclt mich zur\u00fcck in die Stra\u00dfen von Tokyo. Es sind etwa 1,5km bis zum <strong>Shinjuku Gyoen<\/strong>. Er kostet Eintritt. Der Park ist ganz ok: Waldgegend. Teiche, Wiesen. Etwas trist jetzt im September; im Fr\u00fchjahr sicherlich ein Kracher. Die Ansicht ist schon gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig: Ich stehe auf einer Anh\u00f6he, unter mir ein riesiger Teich und eine Wiese. Hinter dem Teich ein Wald und dahinter die Skyline von Tokyo. Es wirkt so weit weg und es sind dennoch nur etwa 200m. Ich laufe zum Westausgang. Hie ist die Parkanlage sehr europ\u00e4isch: mit Wegen und gr\u00fcnen Fl\u00e4chen. Alles ist Symmetrisch. Wie in einem Schlo\u00dfgarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiter zum <strong>Meiji Outer Garden<\/strong>. Er ist fast schon entt\u00e4uschend. Dominiert wird er von Sportstadien (Olympia). Dann weiter zum <strong>Imperial Garden<\/strong>, den ich fast komplett umrunde, bevor mir klar wird, da\u00df er f\u00fcr Normalsterbliche nicht zug\u00e4nglich ist. 3km vergebens. Aber die Stra\u00dfen waren sch\u00f6n. Hier standen sogar B\u00e4ume. Sie sind richtig aufgefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich setze mich in die U-Bahn und fahre zum <strong>Tokyo Tower<\/strong>. Er ist gro\u00df und orange. Der Eintritt zur Aussichtsplattform kostet 10\u20ac. Das ist mit dann doch etwas zu viel. Trotzdem: Das Wahrzeichen von Tokyo ist abgehakt. Nebenan soll es den Zojiji Tempel geben. Die Stra\u00dfe runter, dann rechts. Ein Friedhof. Hier bin ich falsch. Also zur\u00fcck. Dann stehe ich am richtigen Eingang zum <strong>Zojiji<\/strong>. Der Tempel ist sehenswert. Allerdings fehlt im das gewisse etwas. Er kann mit Kamakura nicht mithalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich laufe zu Fu\u00df (ich Depp) bis nach Shiodome. Von hier f\u00e4hrt ein Bahn \u00fcber die <strong>Tokyo Rainbow Bridge<\/strong> ins Hafengebiet. Hier soll ein neues Tokyo entstehen. Das Gel\u00e4nde ist k\u00fcnstlich. Die ersten Geb\u00e4ude stehen schon. Irres Design. Diese Treppen und diese Kugel. Ich vermute ein Restaurant im inneren. Viel los ist hier nicht. Um das Geb\u00e4ude herum steht so gut wie nichts. Ich quere die Autobahn. Und dann immer geradeaus. Hier ist echt nichts los. Ein Br\u00fccke. Wenn man \u00fcberlegt, da\u00df sie zwei Landteile verbindet, die es vor ein paar Jahren noch nicht gab. Das Ziel sind zwei Geb\u00e4ude. Eigentlich eines: Tokyo Big Seito. Aber dort angekommen doch eher entt\u00e4uschend. Vielleicht liegt es auch daran, da\u00df meine Akkus jetzt komplett leer sind. Mein F\u00fc\u00dfe wollen nicht mehr. Also kurze Pause bei einem Caramel Macchiato von Starbucks. Anschlie\u00dfend geht es zur\u00fcck nach Odaiba. Auf dem Weg dorthin sehe ich noch ein\u00a0 Areal, das gerade aufgesch\u00fcttet wird. Tokyo w\u00e4chst immer weiter ins Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht mit der Bahn zur\u00fcck \u00fcber die Br\u00fccke. Ich laufe die Ginza hinauf. Eine Shopping-Stra\u00dfe pur. Viel los ist hier nicht. Sicherlich liegt es mit an der Uhrzeit. Es ist 18 Uhr und die D\u00e4mmerung klaut mir das Licht f\u00fcr Fotos. Sicherlich ist hier Sonntags mehr los. Dem Reisef\u00fchrer nach ist die Stra\u00dfe dann f\u00fcr den Autoverkehr gesperrt. So ganz glauben kann ich das nicht. Die ist 6-spurig und sicher wichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn es nur zwei Stationen sind nehme ich die Bahn zum Hauptbahnhof. Hier gibt es die unterirdische Stadt Yeasu. Eigentlich sind es Verbindungsg\u00e4nge zwischen den verschiedenen U-Bahn-STationen, dem Bahnhof und mehreren B\u00fcrogeb\u00e4uden und Kaufh\u00e4usern. Ein Netzwerk von unterirdischen Wegen, die beidseitig Gesch\u00e4fte und Kneipen haben. Das ist wirklich eine kleine Stadt untertage. Ich vermute, man kann in Tokyo leben ohne jemals an die Oberfl\u00e4che zu m\u00fcssen. Das ist riesig hier unten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Randnotizen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Kurz bevor ich am Hotel bin, f\u00e4ngt es an zu regnen. Gl\u00fcck gehabt.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wetter morgen: Oosaka und Tokyo \u00fcber 30\u00b0C, Wolken, vereinzelt Regenschauer<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Taifun zieht unter Honshu entlang Richtung Festland. Das hier sind die Ausl\u00e4ufer.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Asakusa-Tempel fehlt noch.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Ginza am Sonntag kollidiert mit den Pl\u00e4nen f\u00fcr Nikko.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Schon wieder den Yasukuni vergessen.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Verkehr auf dem Expressway war enorm: 6 Spuren in eine Richtung und Stau.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Im TV l\u00e4uft gerade ein Bericht \u00fcber die Alpen. Ist schon komisch wie die Japaner Deutschland sehen (Deutschland=Bayern). Dazu gibt es Blasmusik, einen kleinen Deutschkurs und den Hinweis, da\u00df der neue Toyota &#8222;Raum&#8220; hei\u00dft.<\/li>\n<\/ul>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=K745q2ha5XE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin die letzten beiden Tage zu viel gelaufen. Meine F\u00fc\u00dfe sind platt. Und ich habe einseitig Sonnenbrand. Der mu\u00df von vorgestern sein. 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